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12. September 2011

"... kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn ..."



"Jeder Mensch ist seiner Natur nach auf bestimmt, mitunter sehr, sehr kleine Dinge gestellt, Dinge, die, trotzdem sie klein sind, für ihn das Leben oder doch des Lebens Bestes bedeuten. Und dies Beste heißt mir Einfachheit, Wahrheit, Natürlichkeit ..."


(Theodor Fontane
)











Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit
Und die Birnen leuchteten weit und breit,
Da stopfte, wenn's Mittag vom Turme scholl,
Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,
Und kam in Pantinen ein Junge daher,
So rief er: »Junge, wiste 'ne Beer?«
Und kam ein Mädel, so rief er: »Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn.«

So ging es viel Jahre, bis lobesam
Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.
Er fühlte sein Ende. 's war Herbsteszeit,
Wieder lachten die Birnen weit und breit;
Da sagte von Ribbeck: »Ich scheide nun ab.
Legt mir eine Birne mit ins Grab.«
Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
Trugen von Ribbeck sie hinaus,
Alle Bauern und Büdner mit Feiergesicht
Sangen »Jesus meine Zuversicht«,
Und die Kinder klagten, das Herze schwer:
»He is dod nu. Wer giwt uns nu 'ne Beer?«

So klagten die Kinder. Das war nicht recht -
Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht;
Der neue freilich, der knausert und spart,
Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.
Aber der alte, vorahnend schon
Und voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn,
Der wußte genau, was damals er tat,
Als um eine Birn' ins Grab er bat,
Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus
Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.

Und die Jahre gingen wohl auf und ab,
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
Und in der goldenen Herbsteszeit
Leuchtet's wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung' übern Kirchhof her,
So flüstert's im Baume: »Wiste 'ne Beer?«
Und kommt ein Mädel, so flüstert's: »Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick gew' di 'ne Birn.«

So spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.


Gedicht von Theodor Fontane (1819 - 1898)





Kommentare:

  1. sehr sehr schön.
    wirklich tolle texte.
    Ich bin auch ein großer Theodor Fontane Fan!

    Farbwahn

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  2. Liebe Rosabella, eine klasse Fotografie und wunderbares Gedicht von Theodor Fontane...

    Liebe Grüsse dir

    Hans-Peter

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  3. Liebe Rosabella,

    immer wieder schön zu lesen/hören! Dazu das tolle Foto!

    Einen schönen Wochenanfang.

    Martha E.

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  4. Liebe Rosabella,

    ich habe es vor Jahrzehnten in der schule gelernt, neben vielen anderen gedichten und es ist eines der wenigen, das heute noch komplett auswendig kann...
    Für mich hat es eine BEDEUTUNG ; DENN AUCH WIR HABEN EINEN BIRNBAUM IN UNSEREM GARTEN stehen , so werded ich täglich daran erinnert...

    Dir einen schönen Wochenstart,
    Sanne

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  5. Klasse Foto, liebe Rosabella.
    Lg,*Manja*

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  6. Herrlich! Der Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland begleitet mich seit meiner Kindheit. Schön ihn mal wieder zu lesen *freu*
    Und wie immer zauberhafte Bilder!
    lg niki

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  7. oh ja, das erinnert an meine Schulzeit ;-) , komme so langsam wieder an , in der bloggerwelt und danke dir für deine lieben Grüße !!!!! herzlichst Kathrin

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  8. JA passt wunderbar und das Bild finde ich ja wirklich gelungen:-)

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  9. Fa, auch mich erinnern solche Gedichte an meine Schulzeit, vielleicht nicht gerade von T. Fantane.
    Das Bild ist einfach hinreissend. Du verstehst es immer wieder alles bestens in Szene zu setzten!
    Danke...
    Schönen Abend herzlich Monika

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  10. wunderschön ! schon die Sprache alleine ist Musik in meinen Ohren und schau nächste Woche mal bei mir vorbei... ist schon in Planung, herzlich Piri

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O mag ein Engel Dir die Schrift diktieren,
daß jedes Wort mir Wonne sei und Lust,
ein Engel Deine Feder führen,
ein Zauber drinnen leben unbewußt!
Damit, wenn ich das Siegel löse,
das Glück sich ungetrübt daraus ergießt,
und keine Wolke, keine böse,
mein Geist von Deinem Geiste liest.

Friederike Kempner (1836 - 1901)