optimale Seiten-Darstellung bei einer Auflösung von 1280 x 1024 px



21. März 2011

Frühlingsanfang und Welttag der Poesie


"Wenn der Frühling in eine kleine Stadt einzieht, so gibt das ein Fest. Wie die Knospen aus enger Haft, drängen goldköpfige Kinder aus der winterschwülen Stube und wirbeln ins Land hinaus, als trüge sie der flatternde laue Wind, der ihnen Haare und Röckchen zerrt und ihnen die ersten Kirschenblüten in der Schooß wirft. Und wie sie nach langer Krankheit ein altes, lang vermißtes Spielzeug bejubeln würden, erkennen sie selig Alles wieder und begrüßen jeden Baum, jeden Busch und lassen sich vom jauchzenden Bache erzählen, was er all die Zeit getrieben. Und was für eine Wonne ist das, durch das erste grüne Gras laufen, das zage und zart die nackten Füßchen kitzelt, dem ersten Weißling nachhüpfen, der in ratlos großen Bogen über den kargen Holunderbüschen sich verliert ins endlose, blasse Blau hinein. - Überall regt sich Leben. Unterm Dach, auf den rotleuchtenden Telegraphendrähten und sogar hoch auf dem Kirchturm, hart neben der brummigen, alten Glocke, ist Schwalben-Stelldichein. Die Kinder schauen mit großen Augen, wie die Wandervögel die alten lieben Nester finden, und der Vater zieht den Rosenstöcken den Strohmantel und die Mutter den ungeduldigen Kleinen die Warmen Flanellhöschen aus.

Auch die Alten kommen mit scheuem Schritt über die Schwelle, reiben sich die faltigen Hände und blinzeln ins flutende Licht hinaus, und nennen sich 'Alterchen' und wollens nicht zeigen, daß sie glücklich und gerührt sind. Aber ihre Augen gehen über, und sie danken beide im Herzen: Noch einen Frühling."


aus "Heiliger Frühling" von Rainer Maria Rilke (1875 - 1926)





... die Welt wird schöner mit jedem Tag,
man weiß nicht, was noch werden mag

... es blüht das fernste, tiefste Tal:
nun, armes Herz, vergiß der Qual,
nun muß sich alles, alles wenden!

aus dem Gedicht "Frühlingsglaube"
von Ludwig Uhland (1787 - 1862)





Frühlingsanfang und Welttag der Poesie ... das passt ganz wunderbar zusammen, wie ich finde, der Frühling steht schließlich für Gefühle jedweder Art, das Gedicht wird ja geradezu provoziert ;-)

im Jahre 2000 hat die UNESCO den 21. März zum "Welttag der Poesie" ausgerufen

an diesem Tage soll ganz speziell an den Stellenwert der Poesie, an die Vielfalt des Kulturgutes Sprache und an die Bedeutung mündlicher Traditionen erinnert werden, und im Zeitalter der neuen Informationstechnologien weist somit die UNESCO der Dichtkunst einen wichtigen Platz im kulturellen und gesellschaftlichen Leben zu; zudem sollen die Verlage ermutigt werden, poetische Werke, vor allem von jungen Dichtern, zu unterstützen

der Welttag der Poesie soll zudem dazu beitragen, den kulturellen Austausch zwischen den Völkern zu intensivieren




"Es fehlt, behaupte ich, unsrer Poesie an einem Mittelpunkt, wie es die Mythologie für die der Alten war, und alles Wesentliche, worin die moderne Dichtkunst der antiken nachsteht, läßt sich in die Worte zusammenfassen: Wir haben keine Mythologie. Aber, setze ich hinzu, wir sind nahe daran, eine zu erhalten, oder vielmehr es wird Zeit, daß wir ernsthaft dazu mitwirken sollen, eine hervorzubringen.[...]
Die neue Mythologie muß aus der tiefsten Tiefe des Geistes herausgebildet werden; es muß das künstlichste aller Kunstwerke sein, denn es soll alle andern umfassen, ein neues Bette und Gefäß für den alten ewigen Urquell der Poesie und selbst das unendliche Gedicht, welches die Keime aller andern Gedichte verhüllt. [...]
Mythologie und Poesie, beide sind eins und unzertrennlich. Alle Gedichte des Altertums schließen sich eines an das andre, bis sich aus immer größern Massen und Gliedern das Ganze bildet; alles greift ineinander, und überall ist ein und derselbe Geist nur anders ausgedrückt. Und so ist es wahrlich kein leeres Bild, zu sagen: die alte Poesie sei ein einziges, unteilbares, vollendetes Gedicht. Warum sollte nicht wieder von neuem werden, was schon gewesen ist? Auf eine andre Weise versteht sich. Und warum nicht auf eine schönere, größere?"


Friedrich von Schlegel (1772 - 1829), deutscher Kulturphilosoph, Schriftsteller und Literaturwissenschaftler (mit seinem Bruder August Wilhelm Schlegel gilt er als Mitbegründer der deutschen Romantik)

Kommentare:

  1. Guten Morgen Rosabella,

    endlich Frühlingsanfang (nicht nur nach dem Kalender)! Dass heute auch "Der Tag der Poesie" ist, war mir nicht bekannt, finde ich aber sehr schön. Danke für Deine wunderschönen Bilder und Gedichte.

    Einen schönen und sonnigen Tag und viele Grüße

    Martha E.

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Rosabella,
    du verzauberst wieder einmal mit romantischen Frühlingstexten, Gedichten und wunderschönen Bildern. Und dazugelernt habe ich auch. Den Tag der Poesie werde ich mir merken.

    ganz liebe Grüße schickt dir Elvira

    AntwortenLöschen
  3. Liebe Rosabella,

    lauter schöne Gedichte über Frühling, endlich ist er da, hoffen wir er bleibt mal länger bei uns....
    Was dazu gelernt, wusste auch nicht dass heute "Welttag der Poesie" ist, danke.

    Früher als Schulkind schrieb ich Gedichte... heute fellt mir die Fantasie...

    LG Michaela

    AntwortenLöschen
  4. Liebe Rosabella,

    ein Tag wie heute muss mit Gedichten und lyrischen Gedanken gefiert werden. Die kleinen weißen Blüten sind dazu Genuss pur.

    Herzlichst

    Anke

    AntwortenLöschen
  5. Natürlich soll der Tag "gefeiert" werden. Da war ich ein bisschen zu schnell...

    AntwortenLöschen
  6. Liebe Rosabella,

    Schönes wird sich immer wieder erneuern – auch die Poesie.Ich empfehle hierzu die Lektüre: "Der Dichter ein Seher oder über die innige Verbindung der Poesie und der Sprache mit dem Hellsehen" Ein Buch von Dr. med. Albrecht Steinbeck gewidmet dem Herrn Staatsrat Dr. Hufeland.

    Zum Tag der Poesie möchte ich ein Gedicht von mir beisteuern:

    Poesie

    Verschlungen
    ist das Band der Poesie.
    Im kurzen Rausch erstickt der Schwall der Worte,
    und wer mit Andacht lauscht,
    erhebt sie still zu hoheitsvollem Orte,
    nur Einfalt senkt herab sie in die Tiefen;
    beschwörend, heilig, wen die Musengeister riefen,
    mit Tönen wohl aus purem Moll und Dur.
    Verliert sich zwischen Ewigkeiten ihre Spur,
    so schwingt das Band sich eng um Reim und Vers,
    zieht aus den Orten des Vergessens die Gedanken
    und leitet sie vom Herzen himmelwärts.

    Herzlichst
    Gisela

    AntwortenLöschen
  7. ach wie wundervoll, ein Genuss für die Augen und "Ohren" herrlich für alle Sinne, ganz liebe Grüße von Kathrin

    AntwortenLöschen
  8. Herzlichen Dank liebe Rosabella für den schönen Frühlingsanfang mit den wunderschönen Bilder und den Erklärungen zum Welttag der Poesie... Interessant wusste das nicht, du bringst uns immer wieder ins Staunen, was du uns immer wieder vorstellst. Auch den Ausschnitt vom Gedicht "Frühlingsglaube" erfreute mich zum heutigen Tag.
    Mit lieben Gedanken Monika

    AntwortenLöschen
  9. Liebe Rosabella, ja, genau - warum sollte nicht wieder von neuem werden, was schon gewesen ist? So, wie der Frühling immer wieder "von neuem" wird - nicht zwangsläufig "auf eine andre Weise" - hoffe ich bei manch einer "Tugend" oder einem "Wert", dass sie wieder kommen mögen. Dass sie Welt auch wieder leiser wird, sanfter, weniger schrill. Ungefähr so, wie in der kleinen Stadt, die Herr Rilke beschreibt. Und dass die Welt wieder sauberer, klarer, dass Schönes bewahrt und Zerstörerisches verworfen wird ... Frühlingsliebe Grüße von der rostrosigen Traude

    AntwortenLöschen
  10. Jetzt kann der Frühling sich sicher voll Entfalten bei so viel Poesie.

    AntwortenLöschen
  11. Liebe Rosabella,
    herzlichen Dank für Deine Glückwünsche und Dein Interesse.
    Ich freue mich immer wie ein Schneekönig, wenn Du kommentierst!
    Entschuldige, dass ich mich so lange nicht gemeldet hab, aber wie Du vielleicht im Blog gelesen hast, irgendwas ist im Moment immer...
    Ich wünsche dir einen wundervollen Tag,
    herzliche Grüße und bis bald,
    Birte

    AntwortenLöschen


O mag ein Engel Dir die Schrift diktieren,
daß jedes Wort mir Wonne sei und Lust,
ein Engel Deine Feder führen,
ein Zauber drinnen leben unbewußt!
Damit, wenn ich das Siegel löse,
das Glück sich ungetrübt daraus ergießt,
und keine Wolke, keine böse,
mein Geist von Deinem Geiste liest.

Friederike Kempner (1836 - 1901)