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20. März 2011

erinnern möchte ich heute an ... Friedrich Hölderlin

20. März 1770 - 7. Juni 1843



"Denn der hat viel gewonnen,
der das Leben verstehen kann,
ohne zu trauern"

- Friedrich Hölderlin -






Friedrich Hölderlin gehört neben Schiller, Goethe und Kleist zu den bedeutendsten deutschen Dichtern; sein umfangreiches Werk umfasst Gedichte, Dramen und zum Teil sehr eigenwillige Übersetzungen sowie den Briefroman "Hyperion"

Sprachschönheit und musikalischer Rhythmus vereinen sich in seinen Gedichten, denen er eine ganz eigene, ausdrucksvolle "lyrische Stimme" verlieh

Hölderlin, bei dem beim Verfassen seiner Texte stets das Gefühl im Mittelpunkt stand, bevorzugte dabei vor allem die Themen Natur, Liebe, Bestimmung des Menschen und göttliche Mächte

sein Werk, das er mit seiner eigenen, poetischen Sprache verfasste, fand während des 19. Jahrunderts weniger Beachtung; erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde es wiederentdeckt, und seine Hymnen begannen fortan auf die Dichter der Klassischen Moderne Einfluss zu nehmen



Der Frühling
(1)

Wie selig ists, zu sehn, wenn Stunden wieder tagen,
Wo sich vergnügt der Mensch umsieht in den Gefilden,
Wenn Menschen sich um das Befinden fragen,
Wenn Menschen sich zum frohen Leben bilden.
Wie sich der Himmel wölbt, und auseinander dehnet,
So ist die Freude dann an Ebnen und im Freien,
Wenn sich das Herz nach neuem Leben sehnet,
Die Vögel singen, zum Gesange schreien.
Der Mensch, der oft sein Inneres gefraget,
Spricht von dem Leben dann, aus dem die Rede gehet,
Wenn nicht der Gram an einer Seele naget,
Und froh der Mann vor seinen Gütern stehet.
Wenn eine Wohnung prangt, in hoher Luft gebauet,
So hat der Mensch das Feld geräumiger und Wege
Sind weit hinaus, daß Einer um sich schauet,
Und über einen Bach gehen wohlgebaute Stege.


Der Frühling
(2)

Es kommt der neue Tag aus fernen Höhn herunter,
Der Morgen, der erwacht ist aus den Dämmerungen,
Er lacht die Menschheit an, geschmückt und munter,
Von Freuden ist die Menschheit sanft durchdrungen.
Ein neues Leben will der Zukunft sich enthüllen,
Mit Blüten scheint, dem Zeichen froher Tage,
Das große Tal, die Erde sich zu füllen,
Entfernt dagegen ist zur Frühlingszeit die Klage.


Der Frühling
(3)

Die Sonne glänzt, es blühen die Gefilde,
Die Tage kommen blütenreich und milde,
Der Abend blüht hinzu, und helle Tage gehen
Vom Himmel abwärts, wo die Tag entstehen.
Das Jahr erscheint mit seinen Zeiten
Wie eine Pracht, wo Feste sich verbreiten,
Der Menschen Tätigkeit beginnt mit neuem Ziele,
So sind die Zeichen in der Welt, der Wunder viele.


Der Frühling
(4)

Der Mensch vergißt die Sorgen aus dem Geiste,
Der Frühling aber blüht, und prächtig ist das meiste,
Das grüne Feld ist herrlich ausgebreitet,
Da glänzend schön der Bach hinuntergleitet.
Die Berge stehn bedecket mit den Bäumen,
Und herrlich ist die Luft in offnen Räumen,
Das weite Tal ist in der Welt gedehnet
Und Turm und Haus an Hügeln angelehnet.



Der Frühling
(5)

Wenn neu das Licht der Erde sich gezeiget,
Von Frühlingsregen glänzt das grüne Tal und munter
Der Blüten Weiß am hellen Strom hinunter,
Nachdem ein heitrer Tag zu Menschen sich geneiget.
Die Sichtbarkeit gewinnt von hellen Unterschieden,
Der Frühlingshimmel weilt mit seinem Frieden,
Daß ungestört der Mensch des Jahres Reiz betrachtet,
Und auf Vollkommenheit des Lebens achtet.

Der Frühling
(6)

Der Tag erwacht, und prächtig ist der Himmel,
Entschwunden ist von Sternen das Gewimmel,
Der Mensch empfindet sich, wie er betrachtet,
Der Anbeginn des Jahrs wird hoch geachtet.
Erhaben sind die Berge, wo die Ströme glänzen,
Die Blütenbäume sind, als wie mit Kränzen,
Das junge Jahr beginnt, als wie mit Festen,
Die Menschen bilden mit Höchsten sich und Besten.


Der Frühling
(7)

Die Sonne kehrt zu neuen Freuden wieder,
Der Tag erscheint mit Strahlen, wie die Blüte,
Die Zierde der Natur erscheint sich dem Gemüte,
Als wie entstanden sind Gesang und Lieder.
Die neue Welt ist aus der Tale Grunde,
Und heiter ist des Frühlings Morgenstunde,
Aus Höhen glänzt der Tag, des Abends Leben
Ist der Betrachtung auch des innern Sinns gegeben.


Der Frühling
(8)

Wenn aus der Tiefe kommt der Frühling in das Leben,
Es wundert sich der Mensch, und neue Worte streben
Aus Geistigkeit, die Freude kehret wieder
Und festlich machen sich Gesang und Lieder.
Das Leben findet sich aus Harmonie der Zeiten,
Daß immerdar den Sinn Natur und Geist geleiten,
Und die Vollkommenheit ist Eines in dem Geiste,
So findet vieles sich, und aus Natur das meiste.




Gedichte "Der Frühling" (1 - 8)
von Friedrich Hölderlin




Kommentare:

  1. Liebe Rosabella,

    Hölderlins Frühlingsbetrachtungen klingen wie poetische Tagebucheinträge.

    Schöne Worte zum Sonntag!

    Herzliche Grüße
    Gisela

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  2. Hallo, liebe Rosabella,

    wie schön, dass du an einen der ganz Großen unserer Sprache erinnerst. Besonderen Bezug habe ich natürlich zu seinem Heidelberg-Gedicht, weil ich dort studiert habe. Kennst du es? Es beginnt so:


    Heidelberg (1800)

    Lange lieb' ich dich schon, möchte dich, mir zur Lust,
    Mutter nennen, und dir schenken ein kunstlos Lied,
    Du, der Vaterlandsstädte
    Ländlichschönste, soviel ich sah.....

    Für mich immer noch der schönste Lobgesang auf diese Stadt!

    Einen schönen Sonntag noch wünsche ich dir,
    Angelika

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  3. Liebe Rosabella,

    schön, dass du uns soviel Kutur näherbringst....muss gestehn, dass ich einige deiner in den letzten ZTagen erwähnten nicht kenne ( kannte , bisher )
    Hölderlin natürlich schon...sein frühlingsgedicht mag ich sehr...

    Dir einen noch wundervoll sonnigen Sonntag,
    Sanne

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  4. ....nur schön ;-)))
    und ich ♥liebe auch dies:

    Glaube mir und denk, ich sags aus tiefer Seele dir:
    die Sprache ist ein großer Überfluß.
    Das Beste bleibt doch immer für sich und ruht in seiner Tiefe,
    wie die Perle im Grund des Meeres.
    Friedrich Hölderlin

    Sonntagabendgrüßchenhierabstell....
    ♥Annette

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  5. Wenn ich an Hölderlin denke, erinnere ich mich zugleich an den Film "Hälfte des Lebens" mit dem leider so früh verstorbenen großartigen Ulrich Mühe als Hölderlin. Das war 1984 meine erste Begegnung mit dem Dichter und seitdem berühren mich seine Verse immer wieder aufs Neue...

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O mag ein Engel Dir die Schrift diktieren,
daß jedes Wort mir Wonne sei und Lust,
ein Engel Deine Feder führen,
ein Zauber drinnen leben unbewußt!
Damit, wenn ich das Siegel löse,
das Glück sich ungetrübt daraus ergießt,
und keine Wolke, keine böse,
mein Geist von Deinem Geiste liest.

Friederike Kempner (1836 - 1901)