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8. Februar 2011

erinnern möchte ich heute an ... Paula Modersohn-Becker

eine der bedeutendsten Malerinnen des frühen Expressionismus
8. Februar 1876 - 20. November 1907


„Es ist einmal wieder Abend, einmal wieder einer von meinen schönen Abenden. Dann ist mir’s, als ob die ganze Welt mir offen stünde. Dann setze ich mich in meinen gemütlichen Stuhl, den Du ja kennst, denke nicht viel, doch auch nicht zu wenig, dieses Wenige aber intensiv, empfinde intensiv und freue mich leise, leise, dass ich Paula Becker bin.“
(diese Zeilen schrieb Paula im Jahre 1897 an ihren Bruder Kurt; zitiert nach Beuys)


... "wie schade"  sollen die letzten Worte der großen Künstlerin gewesen sein, als sie ein paar Tage nach der Geburt ihrer Tochter Mathilde im Alter von nur 31 Jahren an den Folgen einer Embolie verstarb ... über ihr kurzes, aber sehr schaffensreiches Leben berichtet dieser lesenswerte Artikel

Rainer Maria Rilke, der Paula (er nannte sie auch "ernste Freundin") seinerzeit in der Künstlerkolonie begegnete (im übrigen war sie sehr eng mit seiner Frau, Clara Westhoff, befreundet)   widmete ihr dieses eindrucksvolle Gedicht:

Du blasses Kind, an jedem Abend soll

der Sänger dunkel stehn bei deinen Dingen
und soll dir Sagen, die im Blute klingen,
über die Brücke seiner Stimme bringen
und eine Harfe, seiner Hände voll.

Nicht aus der Zeit ist, was er dir erzählt,
gehoben ist es wie aus Wandgeweben;
solche Gestalten hat es nie gegeben, -
und Niegewesenes nennt er das Leben.
Und heute hat er diesen Sang erwählt:

Du blondes Kind von Fürsten und aus Frauen,
die einsam warteten im weißen Saal, -
fast alle waren bang, dich aufzubauen,
um aus den Bildern einst auf dich zu schauen:
auf deine Augen mit den ernsten Brauen,
auf deine Hände, hell und schmal.

Du hast von ihnen Perlen und Türkisen,
von diesen Frauen, die in Bildern stehn
als stünden sie allein in Abendwiesen, -
du hast von ihnen Perlen und Türkisen
und Ringe mit verdunkelten Devisen
und Seiden, welche welke Düfte wehn.

Du trägst die Gemmen ihrer Gürtelbänder
ans hohe Fenster in den Glanz der Stunden,
und in die Seide sanfter Brautgewänder
sind deine kleinen Bücher eingebunden,
und drinnen hast du, mächtig über Länder,
ganz groß geschrieben und mit reichen, runden
Buchstaben deinen Namen vorgefunden.

Und alles ist, als wär es schon geschehn.

Sie haben so, als ob du nicht mehr kämst,
an alle Becher ihren Mund gesetzt,
zu allen Freuden ihr Gefühl gehetzt
und keinem Leide leidlos zugesehn;
so dass du jetzt stehst und dich schämst.
... Du blasses Kind, dein Leben ist auch eines, -
der Sänger kommt dir sagen, dass du bist.
Und dass du mehr bist als ein Traum des Haines,
mehr als die Seligkeit des Sonnenscheines,
den mancher graue Tag vergisst.
Dein Leben ist so unaussprechlich Deines,
weil es von vielen überladen ist.

Empfindest du, wie die Vergangenheiten
leicht werden, wenn du eine Weile lebst,
wie sie dich sanft auf Wunder vorbereiten,
jedes Gefühl mit Bildern dir begleiten, -
und nur ein Zeichen scheinen ganze Zeiten
für eine Geste, die du schön erhebst. -

Das ist der Sinn von allem, was einst war,
dass es nicht bleibt mit seiner ganzen Schwere,
dass es zu unserm Wesen wiederkehre,
in uns verwoben, tief und wunderbar:

So waren diese Frauen elfenbeinern,
von vielen Rosen rötlich angeschienen,
so dunkelten die müden Königsmienen,
so wurden fahle Fürstenmunde steinern
und unbewegt von Waisen und von Weinern,
so klangen Knaben an wie Violinen
und starben für der Frauen schweres Haar;
so gingen Jungfraun der Madonna dienen,
denen die Welt verworren war.
So wurden Lauten laut und Mandolinen,
in die ein Unbekannter größer griff, -
in warmen Samt verlief der Dolche Schliff, -
Schicksale bauten sich aus Glück und Glauben,
Abschiede schluchzten auf in Abendlauben, -
und über hundert schwarzen Eisenhauben
schwankte die Feldschlacht wie ein Schiff.
So wurden Städte langsam groß und fielen
in sich zurück wie Wellen eines Meeres,
so drängte sich zu hochbelohnten Zielen
die rasche Vogelkraft des Eisenspeeres,
so schmückten Kinder sich zu Gartenspielen, -
und so geschah Unwichtiges und Schweres,
nur, um für dieses tägliche Erleben
dir tausend große Gleichnisse zu geben,
an denen du gewaltig wachsen kannst.

Vergangenheiten sind dir eingepflanzt,
um sich aus dir, wie Gärten, zu erheben.

Du blasses Kind, du machst den Sänger reich
mit deinem Schicksal, das sich singen lässt:
so spiegelt sich ein großes Gartenfest
mit vielen Lichtern im erstaunten Teich.
Im dunklen Dichter wiederholt sich still
ein jedes Ding: ein Stern, ein Haus, ein Wald.
Und viele Dinge, die er feiern will,
umstehen deine rührende Gestalt.

"Dem Andenken von Paula Becker-Modersohn"
Das Buch der Bilder / Des zweiten Buches erster Teil (1906)
von Rainer Maria Rilke

Kommentare:

  1. Liebe Rosabella,
    dass Paula Modersohn-Becker so jung gestorben ist, das war mir bekannt, aber nicht die Tatsache, dass dies nach der Geburt ihrer Tochter geschah. Was für eine menschliche Tragödie, das Leben loslassen zu müssen, wenn es eigentlich erst so richtig losgehen sollte!

    Ich hatte niemals große Angst, zu jung zu sterben. Bis ich meine beiden Jungs bekam. Seitdem bete ich, dass ich lange genug leben möge, damit ich sie auf einen guten Weg bringen kann und begleiten darf, solange sie meiner bedürfen.

    Ich danke Dir für Deinen Blogbeitrag.
    Alles Liebe,
    Liz

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  2. Liebe Rosabella,

    auch ich wusste die Umstände ihres Todes nicht...diese Zufriedenheit( mit sich und der Welt), die ihre Worte ausdrücken gefällt mir sehr, so müsste man immer fühlen... schön auch, dass Rilke ihr ein solches Gedicht gewidmet hat...
    Zu deinem vorigen Post...ich weiß noch genau als du hier vom Tod deines Vaters berichtet hast...ich bin sicher er begleitet dein Schaffen immer und er hat sich über die wunderschöne Rose gefreut...

    Sei lieb gegrüßt,
    Sanne

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  3. Liebe Rosabella,

    ich danke Dir für den großen Raum den Du dieser großen Frau gewidmet hast.
    Sie ist mir eine der Liebsten und es lohnt immer wieder neu, Ihren Spuren in Worpswede zu folgen.
    Liebe Grüße
    Christel

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  4. Ah, da kenn´ich jmd, der sich heute sehr über diesen Post freuen wird :)

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  5. Der Tod ist groß.
    Wir sind die Seinen.
    Lachenden Munds.
    Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
    wagt er zu weinen,
    mitten in uns.

    von Rainer Maria Rilke *♥seufz*

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  6. ach ja so oft, so oft wandle ich auf ihren Spuren und regelmässig stehe ich an ihrem Grab. Spüre sie im Vogeler Huas und im Museum in der Böttgerstr oder im Paula Modersohn Becker Haus, wie nah fühle ich sie dann, sie ist unsterblich, ihre Seele spürt man...eine wunderbare Frau, welch hinterlassenschaft sie lies, für uns alle von unendlichem Wert.
    Liebe grüße von Kathrin

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  7. Ich mag die Bilder von Paula Modersohn-Becker sehr gerne, und ich bewundere sie, dass sie damals doch schon ein sehr "modernes" Leben gelebt hat.

    Die Rose für deinen Vater gefällt mir sehr gut, auch die Idee, sie ihm aufs Grab zu legen.

    Grüßle
    Ursel

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  8. bin schon da,bin schon da. welch freude und wohltat bei dir sein zu dürfen. ohhhhhh, da bin ich ja genau richtig. und was sieht mein auge, dich, strahl, da lag ich ja mit der auswahl meiner bilder gar nicht so falsch.
    meine liebe, leider fehlt mir die zeit bei dir zu schwelgen, aber ich komme wieder, hab mich schon fest eingetragen ;)

    ich wünsche dir einen wunderschönen tag und laß
    ganz liebe grüße da

    deine karin

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  9. Oh, vielen Dank für diesen Link! Dieses Künstlerinnenschicksal ist so beeindruckend. Wieder einmal macht es mich fassungslos zu spüren, wie sich das Leben für die Frau in den vergangenen hundert Jahren verändert hat, bestimmt nicht zuletzt dank solchen Menschen, die ihrem inneren Ruf gefolgt sind und nicht dem der Gesellschaft.
    Ja, schade...
    Herzlich
    Gabriela

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O mag ein Engel Dir die Schrift diktieren,
daß jedes Wort mir Wonne sei und Lust,
ein Engel Deine Feder führen,
ein Zauber drinnen leben unbewußt!
Damit, wenn ich das Siegel löse,
das Glück sich ungetrübt daraus ergießt,
und keine Wolke, keine böse,
mein Geist von Deinem Geiste liest.

Friederike Kempner (1836 - 1901)