31. Dezember 2010

Sylvester-Lied

Vorsänger

Herzchen im Thurme:
Schlagende Uhr,
Klinge im Sturme
Durch die Natur;
Bring' uns die ferne
Sonne zurück,
Feurige Sterne
Ahnen dies Glück:
Himmlisch getragen
Bringst du das Jahr:
Zwölf hat's geschlagen
Deutlich und klar!
Chor

Oeffnet die Fenster
Allem Geschrei,
Wolkengespenster
Zieht nun vorbei!
Was heut die sinkende
Sonne bedacht,
Zeigen schon blinkende
Sterne der Nacht,
Sind schon von wärmender
Sonne durchblickt,
Sind schon von schwärmender
Liebe entzückt.
Vorsänger

Dreht sich das alte
Jahr nun zurück:
Daß sich erhalte
Aelteres Glück, –
Kommt nun das neue
Jahr in die Welt:
Daß sich zerstreue,
Was uns mißfällt, –
So ist gestaltet
Göttergeschick,
Treulich verwaltet
Alle dies Glück!
Chor

Hände verschlinget,
Herzen vereint:
Was uns durchdringet
Festlich erscheint;
Wir, als die Wissenden,
Thun uns hier kund:
Schließen mit küssenden
Lippen den Mund,
Daß uns magnetische
Weihung durchglüht
Und das poetische
Neujahr erblüht.
Vorsänger


Geistig beginnet,
Was sich erneu't,
Geistig gewinnet
Jeder die Zeit;
Tief im Gemüthe
Waltet die Kraft,
Daß sich die Blüthe
Hoffend erschafft;
Wünschet heut offen:
Was euch erfreut,
Sehet im Hoffen
Alles erneut.
Chor

Immer im Dunkel
Kommt uns das Jahr,
Weines-Gefunkel
Machet es klar;
Bringt uns die klingenden
Gläser herbei!
Schließet die singenden
Kehlen aufs neu:
Sammelt die feurigen
Wünsche beim Glas,
Keiner der Eurigen
Beiße in's Gras!
Vorsänger


Fröhliche Schwestern!
Trinkt auf die Zeit:
Eben war gestern,
Eben ist heut;
Herrliche Brüder!
Schenket euch ein:
Zeitengefieder
Rauschet beim Wein;
Hebt uns zum Tanze,
Dreht uns im Kreis,
Schwinget im Kranze,
Jüngling und Greis.
Chor

Lasset uns schweben
Ueber die Welt,
Allem ergeben,
Was uns gefällt;
Wenn der geflügelte
Gott aus uns spricht,
Flieht das geklügelte
Faltengesicht,
Und im erheiternden
Hauche der Zeit
Ziehen die scheiternden
Schiffe noch weit!



"Sylvester-Lied"
 Erstdruck in:
Der Gesellschafter oder Blätter für Geist und Herz
(Berlin), Jg. 2, 1818

von Ludwig Achim von Arnim
(1781 – 1831)





Ihr Lieben,

auf persönliche Jahresrückblick-Gedanken verzichte ich an dieser Stelle, ich hoffe, Ihr seht es mir nach, wären sie wahrscheinlich von Melancholie getragen und würden alle positiven Gedanken an Gewesenes im zurückliegenden Jahr überschatten; seit einiger Zeit hält mich eine tiefe Traurigkeit gefangen, die mich jeden Tag an den endgültigen Abschied von meinem Papa im Sommer denken lässt; es fällt nicht leicht,  hoffnungsvoll nach vorne zu schauen, mal gelingt es, mal gelingt es nicht, ich "arbeite" daran ... gut getan haben Eure mut-machenden und trost-spendenden Kommentare, die mich in den letzten Monaten auf ganz wunderbare Weise durch mein Blog-Jahr begleitet haben ... dafür danke ich Euch allen sehr herzlich

ich wünsche Euch und Euren Lieben einen angenehmen Wechsel vom alten zum neuen Jahr ... möge es ein gutes werden! und verabschiede mich nun von Euch mit der Zeile des Sylvester-Liedes, die mich ganz besonders anspricht "wünschet heut offen: was euch erfreut, sehet im Hoffen alles erneut" ... DANKE, dass Ihr da seid

30. Dezember 2010


Du greises Jahr: du eilst, dem Ziele zu,

rascher und rascher, sehnst dich nach der Ruh
in einem tiefen grenzenlosen Tod.

Doch sieh: ich eile schneller, nach dem Rot
des neuen Morgens gierig, dir voraus.

O komm! Hinübergeh! Lösch aus, lösch aus!
Gezeichnetes, Beladenes, befleckt
mit großer Müdigkeit, mit Schmerz bedeckt –
vergeh – ich werde! Stirb – und ich vermag
aufzuerstehn: o neuer, reinster Tag!



Gedicht "Jahres-Ende"
von Maria Luise Weissmann (1899 – 1929)




28. Dezember 2010

schon sein Ende naht heran




... hebe weg die Tränenblicke
von dem Schimmer dieser Welt,
Monde fliehen, Jahre eilen –
auch des letzten Sandkorn fällt;
unaufhaltsam rauscht's von hinnen,
schon sein Ende naht heran,
sieh', die lezten Tropfen rinnen
in den großen Ozean!


... auf der Hoffnung goldnen Flügeln
schwebe, neues Jahr! heran,
lohne jede edle Tugend,
scheuche Vorurteil und Wahn ...



aus dem Gedicht "An das scheidende Jahr"
von Elise Sommer (geb. 1767)

27. Dezember 2010

Eis-Zeit



es ist ein Augenblick, und alles wird verwehn

Vom ersten Mark des heutgen Tags getränkt,
fühl ich mir Mut zu jedem frommen Werke.
Die Seele fliegt, so weit der Himmel reicht,
der Genius jauchzt in mir! Doch sage,
warum wird jetzt der Blick von Wehmut feucht?
Ist's ein verloren Glück, was mich erweicht?
Ist es ein werdendes, was ich im Herzen trage?


Hinweg, mein Geist! hier gilt kein Stillestehn:
es ist ein Augenblick, und alles wird verwehn!
Dort, sieh, am Horizont lüpft sich der Vorhang schon!
Es träumt der Tag, nun sei die Nacht entflohn;
die Purpurlippe, die geschlossen lag,
haucht, halbgeöffnet, süße Atemzüge:
auf einmal blitzt das Aug, und, wie ein Gott, der Tag
beginnt im Sprung die königlichen Flüge!


aus dem Gedicht "An einem Wintermorgen ..."
von Eduard Mörike (1804 – 1875)



25. Dezember 2010

es ist ein Ros entsprungen


... und hat ein Blümlein bracht
mitten im kalten Winter,
wohl zu der halben Nacht ...



 "Schnee-Rosen-Blüte" aus Altpapier und Vintage-Knöpfen
- handmade with love by Rosabella -



... das Blümelein so kleine,
das duftet uns so süß,
mit seinem hellen Scheine
vertreibt's die Finsternis ...






Zeilen aus dem Weihnachtslied
"Es ist ein Ros entsprungen"

24. Dezember 2010



Unendlich Blau.
Geweihte Nacht.
Und immer fällt der Schnee
in zarten Sternen.
Deckt die weite Erde sacht.
Heilige Nacht ...
durchglüht vom Leidensblut
des lieben Herrn.

Wir pilgern noch im Dunkel.
Doch wir sehen seinen Stern.


Gedicht "Stern von Bethlehem"
von Francisca Stoecklin (1894 - 1931)






"Es gibt Leute, die dir sagen werden, dass Weihnachten auch nicht mehr das ist, was es einmal war. Höre nicht auf sie. Es gibt wenige, die alt geworden sind auf dieser Erde, die nicht an jedem beliebigen Tag im Jahr solche Gedanken wachrufen können. Aber suche dir doch für deine trostlosen Erinnerungen nicht eben den fröhlichsten unserer 365 Tage aus. Rücke lieber deinen Stuhl näher an das flackernde Feuer, fülle dein Glas, stimme ein Lied an und sei dankbar, dass alles nicht noch schlimmer ist. Denke nach über den Segen, der dir reichlich zuteil wurde - und er ist bei keinem gering -, und nicht über vergangenes Missgeschick, das jedem widerfährt. Fülle dein Glas abermals, mit fröhlichem Gesicht und zufriedenem Herzen. Dein Weihnachten soll ein fröhliches sein ...!"

Charles Dickens (1812 - 1870)





meine Lieben



von Herzen wünsche ich Euch und Euren Familien
ein frohes Weihnachtsfest mit vielen wunderbaren,
kerzenlichterhellten Augenblicken ... und allen,
die sich Weihnachten einsam und traurig fühlen,

schicke ich ganz besonders herzliche Grüße




Und durch klares Schneegefild,
schwebend auf des Mondlichts Wogen,
kommt ein Glockenton gezogen,
der die tiefste Sehnsucht stillt –
lenzhauchmild durch Winterpracht
klingt der Gruß der Weihenacht:
'Aller Menschheit, ruhelos,
schmerzbefangen, wahnverloren,
ward der Friede heut geboren ...
sei gegrüßt, geweihte Nacht!'

 

aus dem Gedicht "Heilige Nacht"
von Clara Müller-Jahnke (
1860 - 1905)



23. Dezember 2010

Erwartung der Weihnacht



Noch eine Nacht und aus den Lüften
herniederströmt das goldne Licht
der wundersamen Weihnachtsfreude,
verklärend jedes Ungesicht.

Und wieder klingt die alte Sage,
wie einst die Lieb geboren ward,
die unbegrenzte Menschenliebe
in einem Kindlein hold und zart.

Nun zieht ein süß erschauernd Ahnen
durch Höhn und Tiefen, Flur und Feld.
Nun deckt geheimnisvoll ein Schleier
des trauten Heimes kleine Welt.

Dahinter strahlts und lachts und flimmerts
und ist der süßen Rätsel voll,
durch alle Räume weht ein Odem
der Freude, die da kommen soll.

Und draußen nicken Bäum und Büsche
So leis in winterklarer Luft.
Die Kunde kommt, dass neues Leben
sich wieder regt in tiefer Gruft.

Es knarrt die Eiche vor dem Fenster,
sie träumt von langer Zeiten Lauf,
da steigt wohl auch ein froh Erinnern
in ihre Krone still hinauf.

O weilt, ihr jugendschönen Stunden,
verweile du, der Hoffnung Glück!
Vermöcht ichs nur mit allen Kräften
der Seele hielt ich dich zurück.

Ihr süßen Träume des Erwartens,
der Wunder und Gedichte voll,
ihr seid noch schöner als der Jubel,
die Freude, die da kommen soll.


Gedicht "Erwartung der Weihnacht"
von Otto Ernst (1862 - 1926)

22. Dezember 2010

unser spätnachmittaglicher Spaziergang an Heiligabend führt uns auch immer am Friedhof vorbei ... dort besuchen wir das Grab der Schwiegereltern, an dem wir eine zeitlang verweilen, zünden Kerzen an ... und ich "schmücke" ihre Ruhestätte dann meist noch mit etwas Selbstgemachtem, etwa einem Kranz, einem Gesteck oder einer Schale ... 



... so wie diese hier,
die ich heute nachmittag schon vorbereitet habe




bestückt habe ich sie mit den verschiedensten Zapfen, die teilweise noch von der Herbstdekoration übrig geblieben sind,







aber auch mit frischem Grün aus dem Garten und den mittlerweile getrockneten "Rosen"-Blüten, die ich im Herbst aus Ahornblättern gewickelt habe






Die Jahre kommen, die Jahre gehn,
der schönste Tag hat kein Bestehn,
's ist einmal so von Gott bestellt:
man scheidet täglich von der Welt!
Der dunkle Abend kommt, und dann -
das Christkind zündet die Lichter an!



aus dem Gedicht "Weihnachten"
von Gustav Hermann Kletke  (1813 - 1886)

21. Dezember 2010

es ist die Ruhe der Natur

 
Wenn sich das Laub auf Ebnen weit verloren,
so fällt das Weiß herunter auf die Tale,
doch glänzend ist der Tag vom hohen Sonnenstrahle,
es glänzt das Fest den Städten aus den Toren.

Es ist die Ruhe der Natur, des Feldes Schweigen
ist wie des Menschen Geistigkeit, und höher zeigen
die Unterschiede sich, daß sich zu hohem Bilde
sich zeiget die Natur, statt mit des Frühlings Milde.


Gedicht "Der Winter"
von Friedrich Hölderlin (1770 - 1843)







Das Feld ist kahl, auf ferner Höhe glänzet
der blaue Himmel nur, und wie die Pfade gehen,
erscheinet die Natur, als Einerlei, das Wehen
ist frisch, und die Natur von Helle nur umkränzet.

Der Erde Stund ist sichtbar von dem Himmel
den ganzen Tag, in heller Nacht umgeben,
wenn hoch erscheint von Sternen das Gewimmel,
und geistiger das weit gedehnte Leben.


Gedicht "Der Winter (1)"
von Friedrich Hölderlin (1770 - 1843)

19. Dezember 2010

Adventsonntagsspaziergangsimpressionen



Sie haben alle müde Münde

und helle Seelen ohne Saum.
Und eine Sehnsucht (wie nach Sünde)
geht ihnen manchmal durch den Traum.





Fast gleichen sie einander alle;
in Gottes Gärten schweigen sie,
wie viele, viele Intervalle
in seiner Macht und Melodie.





Nur wenn sie ihre Flügel breiten,
sind sie die Wecker eines Winds:
als ginge Gott mit seinen weiten
Bildhauerhänden durch die Seiten
im dunklen Buch des Anbeginns.




Gedicht "Die Engel" von Rainer Maria Rilke

Kerzenlicht
sanfter Schleier
umhüllt das Sein
dämpfend
den grellen Schein


~ Rosabella ~

 




Vier Kerzen brannten am Adventskranz. So still, dass man hörte, wie die Kerzen zu reden begannen.


Die erste Kerze seufzte und sagte: "Ich heiße Frieden. Mein Licht leuchtet, aber die Menschen halten keinen Frieden." Ihr Licht wurde immer kleiner und verlosch schließlich ganz.

Die zweite Kerze flackerte und sagte: "Ich heiße Glauben. Aber ich bin überflüssig. Die Menschen wollen von Gott nichts wissen. Es hat keinen Sinn mehr, dass ich brenne." Ein Luftzug wehte durch den Raum, und die zweite Kerze war aus.

Leise und traurig meldete sich nun die dritte Kerze zu Wort. "Ich heiße Liebe. Ich habe keine Kraft mehr zu brennen. Die Menschen stellen mich an die Seite. Sie sehen nur sich selbst und nicht die anderen, die sie lieb haben sollen." Und mit einem letzten Aufflackern war auch dieses Licht ausgelöscht.

Da kam ein Kind in das Zimmer. Es schaute die Kerzen an und sagte: "Aber ... aber Ihr sollt doch brennen und nicht aus sein!" Und fast fing es zu weinen an. 

Da meldete sich auch die vierte Kerze zu Wort. Sie sagte: "Hab keine Angst! Solange ich brenne, können wir auch die anderen Kerzen wieder anzünden. Ich heiße Hoffnung."

Mit einem Streichholz nahm das Kind Licht von dieser Kerze und zündete die anderen Lichter wieder an.

(Verfasser unbekannt)

18. Dezember 2010

meine Geschenkidee für Kurzentschlossene:
ein Jahreslos für die "Aktion Mensch"

"Die Lebensqualität von Menschen mit Behinderungen, Menschen mit sozialen Schwierigkeiten, Kindern und Jugendlichen zu verbessern, das ist das grundlegende Ziel der Aktion Mensch. Daher fördert sie jeden Monat mehr als 1.000 Projekte, die zu einer höheren gesellschaftlichen Akzeptanz und stärkeren sozialen Teilhabe dieser Gruppen beitragen." (Zitat: www.aktion-mensch.de)


normalerweise halte ich mich in Sachen Werbung ja eigentlich eher zurück, doch hier mache ich bewusst eine Ausnahme, weil ich von der Arbeit von Aktion Mensch überzeugt bin und sie auf diese Weise nur zu gerne unterstütze

so werden die Freunde, die meine Frage, was sie sich von mir zu Weihnachten wünschen, mit "weiß nicht" beantworten, kurzerhand mit einem Jahreslos von mir bedacht :-) 

und was soll ich sagen? bisher sind diese "besonderen" Geschenke stets total gut angekommen!

in diesem Jahr habe ich wieder einige Lose besorgt, sie werden mir nach Hause geschickt, weil ich sie persönlich an Weihnachten übergeben werde; man kann sie aber auch per Post direkt zum Beschenkten befördern lassen, kein Problem, wie Ihr es wünscht ... Infos findet Ihr unter www.weihnachten.de; dort könnt Ihr online Geschenkkarten aussuchen, sie individuell mit Text versehen oder sogar ein eigenes Foto hochladen, was in die Karte gedruckt werden soll ...

vielleicht hilft ja diese Geschenkidee denjenigen aus der "Patsche", die bisher absolut noch nicht wissen, was sie schenken sollen ?! ich wünschte es mir ... und der Aktion Mensch ♥

17. Dezember 2010



Es gibt so wunderweiße Nächte,
drin alle Dinge Silber sind.
Da schimmert mancher Stern so lind,
als ob er fromme Hirten brächte
zu einem neuen Jesuskind.

Weiß wie mit dichtem Demantstaube
bestreut, erscheinen Flur und Flut,
und in die Herzen, traumgemut,
steigt ein kapellenloser Glaube,
der leise seine Wunder tut.

~ Rainer Maria Rilke ~






edit.:
in dem Dorf, in dem wir leben, gibt es leider nur noch ganz wenige Fachwerkhäuser, eines davon habe ich heute morgen sozusagen im Vorbeifahren fotografiert; das wollte ich schon so lange tun, vor allem jetzt im Advent, weil dort im Vorgarten der zarte, von unzähligen kleinen Lämpchen geschmückte Tannenbaum in wunderbarem Lichterglanze erstrahlt

eigentlich sind es immer nur Sekunden, die ich ihn morgens oder abends in der Dunkelheit bewundern kann, da das Haus direkt an der Straße liegt, die wir zu uns fahren müssen ... aber genau diese kurzen Momente sind es, die mich jedesmal zum Lächeln bringen, sobald ich ihn entdecke ...

... und nun, da auch noch Schnee hinzugekommen ist, sieht er gleich nochmal so schön aus :-)

16. Dezember 2010



Bleibt, ihr Engel, bleibt bei mir!
Führet mich auf beiden Seiten,
dass mein Fuß nicht möge gleiten.

Aber lernt mich auch allhier
euer großes Heilig singen
und dem Höchsten Dank zu bringen.


~ Johann Sebastian Bach ~

14. Dezember 2010

... und sie fühlt keinen Winterschmerz


gönnt Ihr Euch ein paar Augenblicke für diese Geschichte?



Die Christblume
von
Paula Dehmel
(1862 - 1918)




Einsam ist die Blume, von der ich euch heute erzählen will. Sie kennt nicht die frohen Tage des Frühlings noch die duftreichen Nächte des Sommers. Keine flüsternden Gefährtinnen wachsen neben ihr auf, kein Vogel singt sie in Träume. In Schnee und Eis muss sie schauen, der Nordwind streicht über sie hin, und das eintönige Krächzen der Rabenvögel ist ihre Musik.
Und doch ist sie weiß und zart wie nur eine ihrer Schwestern; anmutig wächst sie aus dem Kranze grüner Blätter empor, und ihr tiefer Kelch hütet die Geheimnisse der Blumen. Und sie fühlt keinen Winterschmerz! Still und stolz steht sie in ihrer Kraft. Sie weiß, daß begnadet ist: die einzige Blume, die im Winter blühen darf, die einzige Blume, die das heilige Christfest feiern darf mit den Bewohnern der Erde. Sage mir, Schwester der Lilie, was rief dich ins winterliche Leben? Was gab dir die Macht, der Kälte und dem Sturm zu trotzen? Warum schläfst du nicht im Frieden der Erde?
Die Blätter rauschen mir Töne und Akkorde zu, sie raunen und rauschen - Silben höre ich, Worte - und nun will ich ihre Geschichte erzählen.
Es ist Totensonntag. Auf dem Wege zum Kirchhof geht eine stille, dunkle Schar Menschen. Sie tragen Totenkränze, Tannenreiser und Immortellen, immergrüne Eichen und rote Vogelbeeren. Sie gehen schweigend, als dächten sie vergangener Tage oder träumten in banger Hoffnung von künftiger Helle. Der letzte im Zug ist ein kleiner Knabe, der auf der Schulter ein grünes Holzkreuz trägt, eine schwere Last für einen jungen Körper! Es ist ein armseliges Kreuz, roh gefügt, mit abgeschrägten Ecken. Des Knaben Blicke aber ruhen liebevoll darauf; seine jungen, ungeübten Hände haben wohl selbst das Holz geschnitzt.
Aus der Kapelle des Totenhauses läutet die kleine Glocke, und andächtig zieht die Schar der Trauernden durch das Portal. Ein leiser Wind geht mit ihnen; es sind die Todesengel, die dem Zuge unsichtbar folgen. Vom breiten Mittelwege aus verteilen sich lautlos die Gäste der Toten. Bald hat auch der blasse Knabe das Grab seiner Mutter gefunden. Es ist ein frischer Hügel; ohne Schmuck und ohne Pflege liegt er im kühlen Frühnebel. Der Kleine kniet nieder, pflanzt sein Kreuzlein zu Häupten der Toten und betet leise. Der Engel, der ihm folgte, beugt sich nieder, um die Inschrift zu lesen. "Liebe Mutter", steht in großen, kindlichen Buchstaben auf dem Querholz, sonst nichts. Da küsst der Engel das Kind aufs Haupt.
Die andern Gräber schmückten sich nach und nach mit den Blumen und Kränzen der Leidtragenden; des Knaben Augen aber sahen angstvoll über das leere Grab, und ein Zucken des Schmerzes ging über das kleine Gesicht. "Lieber Gott," betete er leise, "lass meiner Mutter auch eine schöne Blume wachsen, ich muss fort ins Waisenhaus und kann ihr keine mehr bringen. Du aber kannst es, lieber Gott, du bist gut und allmächtig, und ich bitte dich so sehr."
Da küsste der Engel das Kind zum zweiten Male, und ein stiller Schein der Gewissheit kam in die braunen Augen des Knaben. Er rückte das Kreuzlein noch einmal zurecht, küsste das Grab seiner Mutter und folgte den andern Leuten, die den Heimweg antraten.
Der Engel aber flog heim zu Gott und brachte ihm den Wunsch des Knaben. "Es ist Winter," sprach der Herr, "alle Pflanzen schlafen; soll ich dieses Kindes wegen meine ewigen Gesetze ändern?" "Deine Allmacht, o Herr, ist größer als dein Gesetz, deine Güte reicher als dein Wille!" Da lächelte der Herr, daß die Wolken erstrahlten und ein Klingen durch die Sterne ging. "Komm", sagte er zum Engel, und sie traten schweigend in den Garten des Paradieses.
Dort blühen die Blumen, die achtlose Hände auf Erden fortgeworfen und achtlose Füße zertreten haben. Schöner blühen sie hier im himmlischen Licht als in der irdischen Sonne; und als der Schöpfer zu ihnen trat, reckten sich Ranken und Gräser ihm entgegen, und die Kelche strömten über von Duft und Glanz.
Gott aber trat zu einer weißen Lilie, nahm die Zitternde aus dem Schoße des Himmels, küsste sie und gab sie dem Engel. "Dem Erdenkinde zur Freude und meinem Sohne zum Angedenken blühe diese Botin des Himmels künftig auf Erden in Eis und Schnee. Die Winde sollen ihren Samen durch die Länder des Nordens tragen; die Wärme meines Willens ströme durch ihre Wurzeln und bleibe ihr für die Dauer der irdischen Zeit!"
"Du aber lege das Zeichen des Todes ab und schütze den Knaben mit dem warmen Herzen. Breite deine Flügel um ihn aus, daß der Same, der in seiner Seele keimt, auch in Frost und Dürre nicht ersterbe, und die Blume der Menschenliebe daraus erblühe; sie ist holder als alle Blumen des Paradieses."
Dankbar neigte sich der Engel, küsste des Herrn Gewand und ging seinen Befehlen zu folgen.
So ist die Christblume auf die Erde gekommen, und fromme Menschen fühlen ihren heiligen Ursprung.





Bildpostkarte (Ausschnitt) um 1900

13. Dezember 2010

bevor sich der Tag seinem Ende zuneigt

erinnere ich doch noch gerne an dieser Stelle an den Geburtstag eines der bedeutendsten deutschen Dichter


Heinrich Heine
13. Dezember 1797 - 17. Februar 1856



mit Zeilen aus seinem Gedicht
Traum und Leben


Es glühte der Tag, es glühte mein Herz,
still trug ich mit mir herum den Schmerz.
Und als die Nacht kam, schlich ich fort
zur blühenden Rose am stillen Ort.

Ich nahte mich leise und stumm wie das Grab;
nur Tränen rollten die Wangen hinab;
ich schaut in den Kelch der Rose hinein –
da glomm's hervor, wie ein glühender Schein. –


Licht, das den Morgen des neuen Tages erhellt


Dunkelheit liegt so schwer,
auf allem Leben.
Sonne die scheint nicht mehr.
Nachtschatten schweben.

Durch dunkle Stub´ und Stall
schreitet im Lichterstrahl
Sancta Lucia, Sancta Lucia.




Nacht war so groß und stumm,
nun hört ein Brausen ums stille Haus herum
wie Flügelrauschen.
Seht dort, wie wunderbar,
kommt her mit Licht und Haar Sancta Lucia, Sancta, Lucia.
Bald flieht die Dunkelheit
aus dieser Welt.



Bald steigt dieser Tag erneut,
vom Himmelszelt.

Welch wunderbarer Geist,
der uns dies Licht verheißt

Sancta Lucia, Sancta Lucia.


(das Lucia-Lied, aufgezeichnet
nach mündlicher Überlieferung)





Lucia, der am 13. Dezember gedacht wird, lebte zur Zeit der Christenverfolgungen in Syrakus (Sizilien). Sie hatte eine Erscheinung der Heiligen Agathe von Catania und ließ sich daraufhin  taufen. Sie half anderen Christen aufopferungsvoll, die sich in Katakomben versteckt hielten; diesen brachte sie unter anderem Nahrungsmittel, und damit sie ihre Hände beim Tragen in den dunklen Gängen frei hatte, trug sie auf ihrem Kopf eine Krone aus brennenden Kerzen.

Lucia, die zu der Zeit verlobt war, wollte dem weltlichen Leben ganz entsagen und Nonne werden. Ihr Verlobter war so sehr von ihrem Vorhaben enttäuscht, als er davon erfuhr, dass er sie anzeigte. Daraufhin drohte ihr die Hinrichtung. Ochsen sollten sie zu Tode schleifen, doch die Tiere weigerten sich, auch nur einen Schritt zu tun, obwohl sie von den Verfolgern dazu gequält und angetrieben wurden.

Schließlich wurde sie erstochen; sie starb wegen ihres Glaubens an Christus. In Italien wird der 13. Dezember als Gedenktag für die Heilige Lucia gefeiert, viele Denkmäler und Figuren im ganzen Land erinnern an sie.




Gemälde "Lucia Morning" (1908)
von Carl Larsson (1853 - 1919)




In Schweden feiert man das Fest der Heiligen Lucia auf besondere Weise. Im Dezember ist es dort nur wenige Stunden hell, so dass die Menschen das Licht deshalb mehr zu schätzen wissen als anderswo. Der alte Brauch, dass die älteste Tochter im Hause morgens von Zimmer zu Zimmer geht und Eltern und Geschwister weckt, wird im ganzen Land gepflegt. Dabei trägt sie einen Kranz mit brennenden Kerzen auf dem Kopf und verteilt frisch gebackene Weihnachtsplätzchen an die Familie, die schon darauf wartet. Aber nicht nur darauf, sondern ganz besonders auf die brennenden Kerzen als Vorboten des bevorstehenden Weihnachtsfestes und auf das strahlende Licht, das den Morgen des neuen Tages erhellt.




Lucia-sången


Natten går tunga fjät
runt gård och stuga.
Kring jord som solŽn förlät
skuggorna ruva.
Då i vårt mörka hus
stiger med tända ljus,
Santa Lucia, Santa Lucia.

Natten är stor och stum
nu hör det svingar
i alla tysta rum
sus som av vingar.
Se, på vår tröskel står
vitklädd, med ljus i hår.
Santa Lucia, Santa Lucia.

Mörkret skall flykta snart
ur jordens dalar.
Så hon ett underbart
ord till oss talar.
Dagen skall åter ny
stiga ur rosig sky.
Santa Lucia, Santa Lucia.





zum Anhören des Lucia-Liedes
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