30. August 2010

» ... es ist die Zeit des Scheidens ... «

»Vernimm auch Du des Herbstes Stimme, hör, was er sagt und folge ihm!« Weder der zu traulichem Beisammensein ladende Winter noch der liebeglühende Frühling oder der Rosen spendende, Früchte reifende Sommer übt einen so ergreifenden Eindruck aus auf das menschliche Gemüth, wie der Herbst mit seinen welkenden Blumen, hinsterbenden Fluren und erbleichenden Farben. Der große Zug nach der Mutter Erde, welchem selbst der Stärkste und Gewaltigste gehorsamen muß, zeigt triumphierend seine Herrschaft über die Natur. Das letzte Lied der Nachtigall ist verklungen; schief und schiefer fallen die Strahlen der Sonne; leer wird's auf Feld und Flur, und die schaffende Kraft will ausruhen von der segnenden Arbeit der verflossenen Wochen. Schon glänzt am Morgen der Reif auf den Spitzen der Gräser; der »Nachsommer« löst sich von den Stoppeln, und »eindringlich mild« zieht der Geruch des Herbstes durch die Lüfte. Es ist die Zeit des Scheidens. Und wie die Gefühle des Herzens höher flammen in der Stunde des Abschiedes und alle Regungen des Inneren emporwallen in das thränenumflorte Auge, so sendet das Jahr die schönsten seiner Tage in den Herbst, und süße, beseligende Wemuth breitet sich über die weichen, sehnsuchtsathmenden Abende. Und diese Weichheit, diese Sehnsucht bemächtigt sich des menschlichen Herzens. Sie mildert seine Leiden, verklärt seine Freuden und wirkt veredelnd auf alle seine Stimmungen. Wie an dem keuschen, unter dem Weh des Scheidens seufzenden und von hoffenden Wünschen geschwellten Busen der Geliebten, so ruht der Empfängliche in der Umarmung des Herbstes und saugt aus seinem Kusse die Ahnung, daß Glück und Seligkeit wohl fliehen, nicht aber uns für immer fern bleiben können. Mag das Laub fallen und die Blume welken, es liegt doch im Fallen und Welken kein spurlos Verschwinden und Vergehen, sondern die liebe, alte Mutter Erde ruft ihre Kinder nur zurück, um sie verjüngt und verschönert wieder in's Leben zu führen. So ist auch der Tod nicht ein Aufhören alles Seins, sondern eine Zurückkehr zur ursprünglichen Kraft, um die Errungenschaften dieses Lebens für ein neues Bestehen zu verwerthen. Denn wie da draußen in der Natur, so naht ein Herbst auch dem Menschenkinde, der ihm die Stirne furcht, das Haar lichtet und den Nacken beugt, der ihn zur ernsten Forschung stimmt und nach den Früchten seines Lebens fragt. Wie manch' stolzer Mann wird da der tauben Aehre gleichen, welche ihr Haupt hoch heben darf, weil es keine Körner trägt, und wie Mancher mag da am Boden kriechen, weil ihn die Last und Sorge der Arbeit niederdrückt! »Säen muß man hier mit Fleiß zu der Ernte jenes Lebens« klingt's im alten Kirchenliede; aber nicht dort erst, sondern schon hier beginnt diese Ernte und »wohl dem Baume, welcher Früchte trägt, wenn die Hand des Alters an ihm rüttelt!«
"Herbstgedanken" von Karl May, erschienen im Jahre 1875

28. August 2010

man stellt dich in eine Vase -
und schon wandelt sich alles

trotz tagelangen Regens blühen im Garten immer noch die Rosen ganz wunderbar, und weil es momentan so viele sind, habe ich mir gestern nachmittag ein paar Blüten abgeschnitten über Nacht haben sie sich geöffnet, und ihr zarter Duft erfüllt nun das kleine Esszimmer, auf dessen Tisch sie stehen

wie wunderschön sie doch sind, ich kann gar nicht oft genug hinschauen, und obwohl sie nur einfach in die Vase hineingesteckt sind, wirken sie wie ein kleines Kunstwerk, das beim Betrachten mein Herz erfreut

Sprechen wir nicht von dir. Du bist deiner Natur nach unaussprechlich. Andere Blumen schmücken die Tafel, du verklärst sie. Man stellt dich in eine Vase - und schon wandelt sich alles: es ist vielleicht die gleiche Vase Melodie, aber gesungen von einem Engel. Gedicht "Die unschuldige Rose" von Rainer Maria Rilke

27. August 2010

Herzlichen Dank

für alle Eure lieben Worte, Gedanken und guten Wünschen, mit denen Ihr mich während der schmerzvollen Zeit des endgültigen Abschiedes von meinem lieben Papa getröstet und mich damit auf dem schweren Weg begleitet habt Eure große Anteilnahme berührt mich sehr, und ich danke allen dafür von ganzem Herzen! mittlerweile bin ich wieder zu Hause bei meiner Familie, der Alltag wird sicherlich schneller zurückkehren als mir lieb ist, aber mir ist auch bewusst, dass ich nicht in Trauer verharren und alles um mich herum vergessen darf, die Zeit kann nicht stehenbleiben, das Leben wird weitergehen ... Ihr habt mir gefehlt, habe Euch richtig vermisst, und ich spüre, dass es mir ein großes Bedürfnis ist, mein Blog weiterzuschreiben ... ich denke, bestimmt schon ganz bald

Horch, klopfte es nicht an die Pforte? Wer naht, von Himmelsduft umrauscht? Woher des Trostes süße Worte, auf die mein Herz voll Andacht lauscht? Wer neigt, wenn alle Sterne sanken, mit mildem Licht und stiller Huld sich zu dem Staub- und Erdenkranken? Es ist der Engel der Geduld. »O laß den Gram nicht mächtig werden, Du tiefbetrübtes Menschenkind! Wiß', daß die Leiden dieser Erden des Himmels beste Gaben sind und daß, wenn Sorgen Dich umwogen und Dich umhüllt des Zweifels Nacht, dort an dem glanzumfloss'nen Bogen ein treues Vaterauge wacht!« »O laß Dir nicht zu Herzen steigen die langverhaltne Thränenfluth! Wiß, daß grad in den schmerzensreichen Geschicken tiefe Weisheit ruht, und daß, wenn sonst Dir Nichts verbliebe, die Hoffnung doch Dir immer lacht, da über Dich in ew'ger Liebe ein treues Vaterauge wacht!« »O wolle nie Dich einsam fühlen! Obgleich kein Aug' sie wandeln sah, die sorgenheiße Stirn zu kühlen sind Himmelsboten immer da. Wer gern dem eignen Herzen glaubte, ser kennt des Pulses heilige Macht. Drum wiß, das über Deinem Haupte ein treues Vaterauge wacht!« »Drum füge Dich in Gottes Walten und trag Dein Leid getrost und still. Es muß im Dunkel sich gestalten, was er zum Lichte führen will. Dann bringt der Glaube reichen Segen, ob ihn der Zweifler auch verlacht, daß über allen Deinen Wegen ein treues Vaterauge wacht!« Gedicht "Trost" von Karl May (1842 - 1912)

20. August 2010

LEBENSTANZ






 

nun sitze ich hier, leer, erschöpft, trauernd, habe jegliches Zeitgefühl verloren, war über zwei Wochen zu Hause bei meinem Papa, habe ihn dort mit meiner Mutti und meinen beiden Brüdern auf seinem letzten Weg begleitet

am Sonntagmittag ist er von uns gegangen, wir waren bei ihm, hielten seine Hände und erlebten, wie sein Lebenshauch erlosch

ich bin nur kurz zu Hause, um ein paar Dinge zu organisieren, am Dienstag finden Trauerfeier und Beisetzung statt

Ihr Lieben, ich wusste bis eben nicht, wie viele von Euch unter meinem letzten Post kommentierten und mir gute Gedanken schickten

von ganzem Herzen danke ich allen dafür, ich bin mir sicher, dass sie mich während der letzten schmerzvollen Tage getragen und mir Kraft gegeben haben

eigentlich wollte ich mir Zeit lassen, bis ich hier wieder zu schreiben beginne, aber es haben mich so viele private Mails und auch Geburtstagsgeschenke während meiner Abwesenheit erreicht, dass es mir ein Bedürfnis ist, Euch dieses kurze Zeichen zu senden

bitte verzeiht, wenn ich mich dafür erst einmal nicht persönlich bei jedem bedanke, ich werde das nachholen, sobald die Zeit dafür gekommen ist ... bis bald




LEBENSTANZ
für Papa

von Herbstsonne
goldgelb getünchtes Blatt

lass dich los
lass dich fallen
gib dich hin
der Aufforderung
des Windes
der dich führt
zum letzten Tanz
deines Lebens
 

© Rosabella