vor kurzem starb sie im Alter von fast neunzig Jahren, und das Wenige, was sie besaß, wurde bis auf ein paar Möbel von ihrer Nichte abgeholt als wir letztens wieder zum Essen bei Tante und Onkel eingeladen waren, sagte die Tante, sie habe noch etwas für mich "das hier ist für Dich, das sollst Du haben, weil ich weiß, dass Du so etwas magst ... es ist von ihr ..."
in diesem Augenblick war ich so was von gerührt, als sie mir lächelnd das alte Bild in die Arme drückte
Du bist der Vogel, dessen Flügel kamen, wenn ich erwachte in der Nacht und rief. Nur mit den Armen rief ich, denn dein Namen ist wie ein Abgrund, tausend Nächte tief. Du bist der Schatten, drin ich still entschlief, und jeden Traum ersinnt in mir dein Samen, – du bist das Bild, ich aber bin der Rahmen, der dich ergänzt in glänzendem Relief. Wie nenn ich dich? Sieh, meine Lippen lahmen. Du bist der Anfang, der sich groß ergießt, ich bin das langsame und bange Amen, das deine Schönheit scheu beschließt. Du hast mich oft aus dunklem Ruhn gerissen, wenn mir das Schlafen wie ein Grab erschien und wie Verlorengehen und Entfliehn, – da hobst du mich aus Herzensfinsternissen und wolltest mich auf allen Türmen hissen wie Scharlachfahnen und wie Draperien. Du: der von Wundern redet wie vom Wissen und von den Menschen wie von Melodien und von den Rosen: von Ereignissen, die flammend sich in deinem Blick vollziehn, – du Seliger, wann nennst du einmal Ihn, aus dessen siebentem und letztem Tage noch immer Glanz auf deinem Flügelschlage verloren liegt ... Befiehlst du, daß ich frage? Gedicht "Der Schutzengel" von Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

















































