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14. Dezember 2010

... und sie fühlt keinen Winterschmerz


gönnt Ihr Euch ein paar Augenblicke für diese Geschichte?



Die Christblume
von
Paula Dehmel
(1862 - 1918)




Einsam ist die Blume, von der ich euch heute erzählen will. Sie kennt nicht die frohen Tage des Frühlings noch die duftreichen Nächte des Sommers. Keine flüsternden Gefährtinnen wachsen neben ihr auf, kein Vogel singt sie in Träume. In Schnee und Eis muss sie schauen, der Nordwind streicht über sie hin, und das eintönige Krächzen der Rabenvögel ist ihre Musik.
Und doch ist sie weiß und zart wie nur eine ihrer Schwestern; anmutig wächst sie aus dem Kranze grüner Blätter empor, und ihr tiefer Kelch hütet die Geheimnisse der Blumen. Und sie fühlt keinen Winterschmerz! Still und stolz steht sie in ihrer Kraft. Sie weiß, daß begnadet ist: die einzige Blume, die im Winter blühen darf, die einzige Blume, die das heilige Christfest feiern darf mit den Bewohnern der Erde. Sage mir, Schwester der Lilie, was rief dich ins winterliche Leben? Was gab dir die Macht, der Kälte und dem Sturm zu trotzen? Warum schläfst du nicht im Frieden der Erde?
Die Blätter rauschen mir Töne und Akkorde zu, sie raunen und rauschen - Silben höre ich, Worte - und nun will ich ihre Geschichte erzählen.
Es ist Totensonntag. Auf dem Wege zum Kirchhof geht eine stille, dunkle Schar Menschen. Sie tragen Totenkränze, Tannenreiser und Immortellen, immergrüne Eichen und rote Vogelbeeren. Sie gehen schweigend, als dächten sie vergangener Tage oder träumten in banger Hoffnung von künftiger Helle. Der letzte im Zug ist ein kleiner Knabe, der auf der Schulter ein grünes Holzkreuz trägt, eine schwere Last für einen jungen Körper! Es ist ein armseliges Kreuz, roh gefügt, mit abgeschrägten Ecken. Des Knaben Blicke aber ruhen liebevoll darauf; seine jungen, ungeübten Hände haben wohl selbst das Holz geschnitzt.
Aus der Kapelle des Totenhauses läutet die kleine Glocke, und andächtig zieht die Schar der Trauernden durch das Portal. Ein leiser Wind geht mit ihnen; es sind die Todesengel, die dem Zuge unsichtbar folgen. Vom breiten Mittelwege aus verteilen sich lautlos die Gäste der Toten. Bald hat auch der blasse Knabe das Grab seiner Mutter gefunden. Es ist ein frischer Hügel; ohne Schmuck und ohne Pflege liegt er im kühlen Frühnebel. Der Kleine kniet nieder, pflanzt sein Kreuzlein zu Häupten der Toten und betet leise. Der Engel, der ihm folgte, beugt sich nieder, um die Inschrift zu lesen. "Liebe Mutter", steht in großen, kindlichen Buchstaben auf dem Querholz, sonst nichts. Da küsst der Engel das Kind aufs Haupt.
Die andern Gräber schmückten sich nach und nach mit den Blumen und Kränzen der Leidtragenden; des Knaben Augen aber sahen angstvoll über das leere Grab, und ein Zucken des Schmerzes ging über das kleine Gesicht. "Lieber Gott," betete er leise, "lass meiner Mutter auch eine schöne Blume wachsen, ich muss fort ins Waisenhaus und kann ihr keine mehr bringen. Du aber kannst es, lieber Gott, du bist gut und allmächtig, und ich bitte dich so sehr."
Da küsste der Engel das Kind zum zweiten Male, und ein stiller Schein der Gewissheit kam in die braunen Augen des Knaben. Er rückte das Kreuzlein noch einmal zurecht, küsste das Grab seiner Mutter und folgte den andern Leuten, die den Heimweg antraten.
Der Engel aber flog heim zu Gott und brachte ihm den Wunsch des Knaben. "Es ist Winter," sprach der Herr, "alle Pflanzen schlafen; soll ich dieses Kindes wegen meine ewigen Gesetze ändern?" "Deine Allmacht, o Herr, ist größer als dein Gesetz, deine Güte reicher als dein Wille!" Da lächelte der Herr, daß die Wolken erstrahlten und ein Klingen durch die Sterne ging. "Komm", sagte er zum Engel, und sie traten schweigend in den Garten des Paradieses.
Dort blühen die Blumen, die achtlose Hände auf Erden fortgeworfen und achtlose Füße zertreten haben. Schöner blühen sie hier im himmlischen Licht als in der irdischen Sonne; und als der Schöpfer zu ihnen trat, reckten sich Ranken und Gräser ihm entgegen, und die Kelche strömten über von Duft und Glanz.
Gott aber trat zu einer weißen Lilie, nahm die Zitternde aus dem Schoße des Himmels, küsste sie und gab sie dem Engel. "Dem Erdenkinde zur Freude und meinem Sohne zum Angedenken blühe diese Botin des Himmels künftig auf Erden in Eis und Schnee. Die Winde sollen ihren Samen durch die Länder des Nordens tragen; die Wärme meines Willens ströme durch ihre Wurzeln und bleibe ihr für die Dauer der irdischen Zeit!"
"Du aber lege das Zeichen des Todes ab und schütze den Knaben mit dem warmen Herzen. Breite deine Flügel um ihn aus, daß der Same, der in seiner Seele keimt, auch in Frost und Dürre nicht ersterbe, und die Blume der Menschenliebe daraus erblühe; sie ist holder als alle Blumen des Paradieses."
Dankbar neigte sich der Engel, küsste des Herrn Gewand und ging seinen Befehlen zu folgen.
So ist die Christblume auf die Erde gekommen, und fromme Menschen fühlen ihren heiligen Ursprung.





Bildpostkarte (Ausschnitt) um 1900

Kommentare:

  1. Danke meine Liebe,
    die Geschichte ist so traurig und dann doch erfüllt mit Hoffnung und Gefühl. Ich finde sie wunderschön und werde sie meinen Kindern vorlesen. Du bist ein Schatz. Ich grüße Dich ganz herzlich meine *Rosabella*

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  2. Ich schließe mich der lieben Alice an!
    Dankeschön Rosabella!
    Liebe Grüße,
    Deine Melissa (die unheimlich friert heute:))

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  3. Auf eine Christblume

    Die Schönste bist du,
    Kind des Mondes,
    nicht der Sonne.
    Dir wäre tödlich
    andrer Blumen Wonne.
    Dich nährt,
    den keuschen Leib
    voll Reif und Duft,
    himmlischer Kälte
    balsamsüße Luft.

    Mörike, Eduard (1804-1875)

    Fröhliche Dienstagsgrüßchen hiemit abstell,
    Annette *♥*

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  4. Liebe Rosabella,

    Wieder so eine Geschichte mit soviel Tiefgang. Es tut eine Menschenseele gut heut zu tage noch solche Geschichten lesen zu können. DANKE!

    Lieber Gruß,

    Mariette's Back to Basics

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  5. Ich warte jedes Jahr ungeduldig auf meine Helleborus, für mich auch ein Symbol, bei Frost lassen sie den Kopf bis auf die Knien hängen, aber der tut ihnen nichts, denn bei etwas Wärme, sind sie wie neu geboren..., ich glaub, sie sind zu Recht weiblich...
    Herzlichst Anett

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  6. Oh, eine wunderschöne, berührende Geschichte... Danke schön...

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  7. Hallo Sabine,

    eine wunderbare - sehr berührende Geschichte!
    Ich werde jetzt immer an sie denken wenn ich eine Christrose betrachte... Schön!

    ♥-lichen Dank für den wunderschönen
    Schlüsselanhänger - ich freu mich sehr - und werde ihn in Ehren halten!

    Ganz liebe Grüße
    von Nicole

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  8. durch Zufall hier gelandet und zufällig diese kleine Geschichte gelesen. Sie berührt sehr und läßt Traurigkeit und Hoffnung aufkommen, aber-, es ist die Zeit, wo all diese Gedanken auch in uns sind,nicht nur die Freude auf Weihnachten .. mit einem Gruß von Ursa

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O mag ein Engel Dir die Schrift diktieren,
daß jedes Wort mir Wonne sei und Lust,
ein Engel Deine Feder führen,
ein Zauber drinnen leben unbewußt!
Damit, wenn ich das Siegel löse,
das Glück sich ungetrübt daraus ergießt,
und keine Wolke, keine böse,
mein Geist von Deinem Geiste liest.

Friederike Kempner (1836 - 1901)