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10. November 2010


" ... lautloses Leben, Aufgehn ohne Ende,
Raum-brauchen ohne Raum von jenem Raum
zu nehmen, den die Dinge rings verringern,
fast nicht Umrissen-sein wie Ausgespartes
und lauter Inneres, viel seltsam Zartes
und Sich-bescheinendes - bis an den Rand:
ist irgend etwas uns bekannt wie dies? 




Und dann wie dies: daß ein Gefühl entsteht,
weil Blütenblätter Blütenblätter rühren?

Und dies: daß eins sich aufschlägt wie ein Lid,
und drunter liegen lauter Augenlider,
geschlossene, als ob sie, zehnfach schlafend,
zu dämpfen hätten eines Innern Sehkraft.




Und dies vor allem: daß durch diese Blätter
das Licht hindurch muß. Aus den tausend Himmeln
filtern sie langsam jenen Tropfen Dunkel,
in dessen Feuerschein das wirre Bündel
der Staubgefäße sich erregt und aufbäumt.

Und die Bewegung in den Rosen, sieh:
Gebärden von so kleinem Ausschlagswinkel,
daß sie unsichtbar blieben, liefen ihre
Strahlen nicht auseinander in das Weltall. 

 
Sieh jene weiße, die sich selig aufschlug
und dasteht in den großen offnen Blättern
wie eine Venus aufrecht in der Muschel ..."


aus dem Gedicht "Die Rosenschale"
von Rainer Maria Rilke (1875 - 1926)

Kommentare:

  1. Wie immer.... DANKESCHÖN!!!!!!
    Ich drück Dich,
    Deine Melissa

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  2. Wunderschön!
    Zauberhaft!
    Ich muß esgleich noch einmal lesen.

    Ganz liebe Grüße
    Beate

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  3. Ja, wunderschön :o) ♥
    Liebe Grüße sendet dir liebe Rosabella, Marina ♥

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  4. Rilke gibt einfach Gänsehaut! Immer wieder...
    Wunderschön!
    Die Rosenfotos sind einfach so zart und duftig! Ich kann mich kaum satt sehen.
    Vielen Dank für diese Inspiration.
    Alles Liebe und gute Nacht,
    Alexandra WortSchmid

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  5. Meine liebe Rosabella,

    nun frag ich Dich einfach: Du hast mich erst auf Rilke gebracht, lieben gelernt, habe ich seine Werke durch Dich. Ein Buch wollte ich mir von ihm kaufen. Erschlagen bin ich von dem was, er geschaffen hat. Unglaublich sein Lebenswerk. Kannst Du mir eine Buchempfehlung geben - ein kleines feines Büchlein zum in der Tasche mitnehmen, zum Bei-sich-dabei-haben und gerne mit Werken über Rosen, so wie das und andere, die Du uns hier auf das schönste mit Deinen Fotos präsentierst?

    Liebsten Dank von Deiner Carola

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O mag ein Engel Dir die Schrift diktieren,
daß jedes Wort mir Wonne sei und Lust,
ein Engel Deine Feder führen,
ein Zauber drinnen leben unbewußt!
Damit, wenn ich das Siegel löse,
das Glück sich ungetrübt daraus ergießt,
und keine Wolke, keine böse,
mein Geist von Deinem Geiste liest.

Friederike Kempner (1836 - 1901)