optimale Seiten-Darstellung bei einer Auflösung von 1280 x 1024 px



27. Oktober 2010

komm in den totgesagten park und schau

nachdem ich vor ein paar Tagen im Blog von Martin Wisser ein Gedicht von Stefan George wiederentdeckte, merkte ich, dass ich diesen bedeutenden Lyriker in den letzten Jahren völlig aus den Augen verloren habe, zu Unrecht, wie ich jetzt feststellte, nachdem ich mir nun seine Biographie und einige seiner zahlreichen Gedichte wieder näher betrachtet habe

wie kann es sein, dass man sich manchen Dichtern und ihren Werken weniger gerne widmet als anderen? vielleicht, weil einem die Texte und die Art, wie sie verfasst sind, beim Lesen gewöhnungsbedürftig erscheinen oder weil man sich nicht richtig einlesen beziehungsweise einfühlen kann ?! ich erinnere mich, ich lag mit Stefan George nicht "auf einer Wellenlänge", zu seinen Texten blieb mir seinerzeit irgendwie der Zugang verwehrt

aus einem Zitat: "Georges Lyrik grenzt sich bewusst von der Sprache des Alltags und der von Medien geprägten Wortwahl durch hohe stilistische und formale Strenge ab. Viele seiner Gedichte sind exemplarisch selbstreflexive Lyrik. Dramatik und Prosa galten ihm als weniger wertvolle literarische Gattungen ..." 

mittlerweile übe ich mich darin, lese jeden Tag einige seiner Gedichte, und ich muss gestehen, dass sie mir von Mal zu Mal immer mehr zusagen

manchmal bedarf es eben mehrerer Anläufe, und in meinem Falle war es eindeutig das Blog von Martin, das mich Stefan George und seinen Werken wieder nähergebracht hat (dankeschön, lieber Martin, für diese Anregung!)


nun aber zu besagtem Gedicht "Komm in den totgesagten park und schau", welches wohl zu den bekanntesten von Stefan George gehören dürfte ... vielleicht mögt Ihr es ja auch, passt es doch ganz wunderbar in diese herbstliche Jahreszeit





Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade.
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erhellt die weiher und die bunten pfade.

Dort nimm das tiefe gelb. Das weiche grau
Von birken und von buchs. Der wind ist lau.
Die späten rosen welkten noch nicht ganz.
Erlese küsse sie und flicht den kranz.

Vergiss auch diese lezten astern nicht.
Den purpur um die ranken wilder reben.
Und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.




... und weil wir gerade dabei sind,
hier noch ein paar seiner Gedichte ...




Es lacht in dem steigenden jahr dir
Der duft aus dem garten noch leis.
Flicht in dem flatternden haar dir
Eppich und ehrenpreis.

Die wehende saat ist wie gold noch ·
Vielleicht nicht so hoch mehr und reich ·
Rosen begrüssen dich hold noch ·
Ward auch ihr glanz etwas bleich.

Verschweigen wir was uns verwehrt ist ·
Geloben wir glücklich zu sein
Wenn auch nicht mehr uns beschert ist
Als noch ein rundgang zu zwein.





Die Gärten schließen

Frühe nacht verwirrt die ebnen bahnen ·
Kalte traufe trübt die weiher ·
Glückliche Apolle und Dianen
Hüllen sich in nebelschleier.

Graue blätter wirbeln nach den gruften.
Dahlien levkojen rosen
In erzwungenem orchester duften ·
Wollen schlaf bei weichen moosen.

Heisse monde flohen aus der pforte.
Ward dein hoffen deine habe?
Baust du immer noch auf ihre worte
Pilger mit der hand am stabe?




NOVEMBER-ROSE

Sage mir blasse rose dort
Was stehst du noch an so trübem ort?
Schon senkt sich der herbst am zeitenhebel
Schon zieht an den bergen novembernebel.
Was bleibst du allein noch blasse rose?
Die letzte deiner gefährten und schwestern
Fiel tot und zerblättert zur erde gestern
Und liegt begraben im mutterschoosse ..

Ach mahne mich nicht dass ich mich beeile!
Ich warte noch eine kleine weile.
Auf eines jünglings grab ich stehe:
Er vieler hoffnung und entzücken
Wie starb er? warum? Gott es wissen mag!
Eh ich verwelke eh ich vergehe
Will ich sein frisches grab noch schmücken
Am totentag.





DANKSAGUNG

Die sommerwiese dürrt von arger flamme.
Auf einem uferpfad zertretnen kleees
Sah ich mein haupt umwirrt von zähem schlamme
Im fluss trübrot von ferner donner grimm.
Nach irren nächten sind die morgen schlimm:
Die teuren gärten wurden dumpfe pferche
Mit bäumen voll unzeitig giftigen schneees
Und hoffnungslosen tones stieg die lerche.

Da trittst du durch das land mit leichten sohlen
Und es wird hell von farben die du maltest.
Du lehrst vom frohen zweig die früchte holen
Und jagst den schatten der im dunkel kreucht ..
Wer wüsste je – du und dein still geleucht –
Bänd ich zum danke dir nicht diese krone:
Dass du mir tage mehr als sonne strahltest
Und abende als jede sternenzone.

Kommentare:

  1. Guten Morgen liebe Rosabella,
    von diesem Dichter hatte ich noch nie gehört, aber ich stehe ja auch erst am Anfang mit der Entdeckung von Lyrik und Prosa.

    Ich finde seine Werke sehr schön. Mein Favorit wäre die Novemberrose.
    Es beschreibt die Stimmung so genau und es ist einfach nur schön.

    Ganz liebe Grüße
    Beate

    AntwortenLöschen
  2. Danke liebe Rosabella für deine Gedichte, manche mag ich manche weniger, das hängt doch auch immer ein bisschen von unserer Stimmung - Verfassung ab.
    Die Einstimmung zum heutigen Tag ist dir gelungen.
    Immer wieder ein wunderbarer Blog von dem wir auch viel erfahren und mit nehmen können.
    Ich wünsche dir einen sonnigen Tag mit vielen neuen Begegnugen herzlich Monika

    AntwortenLöschen
  3. Liebe Rosabella,
    Die "Rommelscheunen" liegen alle auf dem Weg zwischen Westkapelle und Grijpskerke, also bis zur Rumänienhilfe. Und diese Scheunen öffnen alle nur Dienstags.
    Sie haben teilweise schon andere Namen aber die Niederländer auf unserem Camping sprechen immer von der Rommelschuur und so habe ich es übernommen und ein wenig eingedeutscht.

    Vielleicht sind wir ja mal wieder zur selben Zeit in Zeeland, dann würde ich Dir die Scheunen gerne zeigen.

    Oder wir telefonieren mal und ich versuche es Dir zu erklären.

    Ganz liebe gRüße
    Beate

    AntwortenLöschen
  4. Liebe Rosabella,

    schon immer lese ich sehr gern Gedichte, und ein kleines Büchlein von Stefan George hatte ich schon früh. Seine Art zu schreiben haben mich enorm berührt, weil sie doch so gegensätzlich zu anderen Poeten standen und bis heute nicht immer leicht zu erschließen sind. Aber gerade das macht den Reiz und die Faszination der Gedichte aus.

    Herzliche Grüße

    Anke

    AntwortenLöschen
  5. Hallo Rosabella,
    ich erinnerte mich zwar nicht an den Namen, das Gedicht jedoch "Komm in den totgesagten Park..." stand schon in meinem Schulbuch. Und auch ich habe es heute das erste Mal bei dir so ganz unvoreingenommen gelesen und ganz anders empfunden als damals. Ist immer schön, auf deinem Blog die Gedichte zu lesen. Das ist etwas, was man im modernen Leben gar nicht mehr findet.
    Liebe Grüße, Johanna

    AntwortenLöschen
  6. Liebste Rosabella,
    auch ich liebe seine Gedichte, wie lieb von dir, für uns welche herauszusuchen.
    Wie immer genieße ich es, einen Moment lang hier bei dir zu Verweilen und Kraft zu tanken - momentan rauscht die Zeit wieder ganz unglaublich schnell an uns vorbei.

    Ganz wunderbare freauleins-Grüße
    geschickt von
    Yvonne ♥

    AntwortenLöschen
  7. Die doppelte Danksagung war ganz unnötig :-) aber dennoch habe ich mich natürlich gefreut. Eine sehr angenehme Auswahl. Übrigens habe ich mit George ganz ähnliche Probleme. In meiner Jugend habe ich ihn sehr verehrt, dann wurde er mir immer fremder und gerade löst sich die Fremdheit wieder etwas auf, schon kurios, nochmals vielen Dank.

    AntwortenLöschen


O mag ein Engel Dir die Schrift diktieren,
daß jedes Wort mir Wonne sei und Lust,
ein Engel Deine Feder führen,
ein Zauber drinnen leben unbewußt!
Damit, wenn ich das Siegel löse,
das Glück sich ungetrübt daraus ergießt,
und keine Wolke, keine böse,
mein Geist von Deinem Geiste liest.

Friederike Kempner (1836 - 1901)