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2. Oktober 2010

"doch es werden Zeiten kommen,
wo das Herz mir wieder frei"


Gemälde des schottischen Malers William Dyce (1806 - 1864)





Klingen trüb jetzt meine Lieder,
o so habt mit mir Geduld!
Kehren bess're Zeiten wieder,
will ich zahlen alte Schuld.
Wollt den Baum ihr niederhauen,
weil der Herbstwind ihn entlaubt,
und des Winters böses Grauen
ihm die Blüthenzier geraubt?
Nein! ihr laßt ihn hoffend stehen,
um ihn einst zur Lebenszeit
wieder neugeschmückt zu sehen,
schattig, blüthenüberschneit.
Und die ihn geduldet haben,
ehrt der Baum mit frommem Sinn,
legt dann dankbar seine Gaben
gern zu ihren Füßen hin.
Also steh auch ich entblättert,
von des Unglücks rauhem Nord,
von dem Blitzstrahl fast zerschmettert,
der mich traf in einem Wort.
Doch es werden Zeiten kommen,
wo das Herz mir wieder frei,
und zu heitrem Sang verschwommen
meiner Seele Jammerschrei.
Wo nach Winters Finsternissen
mir erblüht ein Frühlingstag,
wo ich werd' zu singen wissen,
wie ich jetzt nur weinen mag.
Und von froher Lieder Blüthe
werde dann die Stirn umrauscht
derer, die mit stiller Güte
meinem Schmerzensang gelauscht.





Gedicht "Versprechen"
von Betty Paoli (1814 – 1894)



Kommentare:

  1. Wir sind alle Blätter an einem Baum,
    keines dem anderen ähnlich -
    das eine symmetrisch,
    das andere nicht,
    und doch gleich wichtig dem Ganzen.

    Lichtenberg, Georg Christoph (1742-1799) *Herzliche♥WEknuddelgrüßchen*

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  2. Sehr hübsch, Gedicht wie Bild.
    Liebe Grüße, Johanna

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  3. Der Herbst verleitet zu solchen Gedanken...
    Alles Liebe und Gute!
    Nordlicht

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  4. Meine liebe Rosabella, Du zeigst mir immer wieder welch' Feingefühl Du hast. Geschrieben wurde einst das Gedicht aus einer Verfassung heraus, mindestens jedoch einer Gefühlslage nachempfunden. Und dann existiert dieses Gedicht schon mehr als hundert Jahre und ich denke, es könnte nicht besser auf (D)ein aktuelles Thema und Empfinden passen. Also nochmal, welch' ein Feingefühl - mit schönen, alten Worten heutiges Empfinden zu beschreiben.
    Herzlichst - und wenn auch hier eine Zeitlang rar - stets bei Dir, Deine Carola

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O mag ein Engel Dir die Schrift diktieren,
daß jedes Wort mir Wonne sei und Lust,
ein Engel Deine Feder führen,
ein Zauber drinnen leben unbewußt!
Damit, wenn ich das Siegel löse,
das Glück sich ungetrübt daraus ergießt,
und keine Wolke, keine böse,
mein Geist von Deinem Geiste liest.

Friederike Kempner (1836 - 1901)