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3. Oktober 2009

Der Herbstmorgen


"Die frühe Morgensonne flimmerte schon hinter dem Berg herauf, und verkündigte den schönsten Herbsttag, als Micon ans Gitterfenster seiner Hütte trat. Schon glänzte die Sonne durch das purpurgestreifte, grün und gelb gemischete Reblaub, das, von sanften Morgenwinden bewegt, am Fenster sich wölbte. Hell war der Himmel, Nebel lag wie ein See im Thal, und die höhesten Hügel standen, Inseln gleich, draus empor, mit ihren rauchenden Hütten, und ihrem bunten herbstlichen Schmuck, im Sonnenglanz; gelb und purpurn, wenige noch grün, standen die Bäume, mit reifen Früchten überhangen, im schönsten Gemische. In frohem Entzücken übersah er die weit ausgebreitete Gegend, hörte das frohe Gebrüll der Heerden, und die Flöten der Hirten, nah und fern, und den Gesang der muntern Vögel, die bald hoch in heller Luft sich jagten, bald tiefer im Nebel des Thals sich verloren. Staunend stand er lange so; aber in frommer Begeistrung nahm er die Leyer von der Wand, und sang: Möcht ich, ihr Götter! Möcht ich mein Entzücken, meinen Dank euch würdig singen. Alles, alles glänzt in reifer Schönheit, alles überströmt in vollem Segen; Anmuth herrschet überall und Freude, und von Bäumen und vom Weinstock lächelt des Jahres Segen. Schön, schön ist die ganze Gegend, in des Herbstes feyerlichstem Schmucke. Glücklich ist der, dessen unbeflecktes Gemüth keine begangene Bosheit nagt; der seinen Segen zufrieden genießt, und, wo er kann, Gutes thut. Ihn weckt zur Freude der helle Morgen; der ganze Tag ist ihm voll Wonne, und sanft umfängt die Nacht ihn mit süssem Schlummer. Jede Schönheit, jede Freude, genießt sein frohes Gemüthe; ihn entzückt jede Schönheit des wechselnden Jahres, jeder Segen der Natur. ..."
aus: Gedichte / Neue Idyllen (1772), hier: "Der Herbstmorgen", von Salomon Gessner (1730 - 1788)

Kommentare:

  1. Solche Bilder auch fotografisch festzhalten würde mir sehr gefallen. Wer weiss vielleicht scpringt mir ja einmal so eine Landschaft vor die Kamera.

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  2. Danke, dass du an mich gedacht hast.
    Durch die vielen lieben und positiven Kommentare geht es mir langsam besser.
    Schön, dass es solche Menschen wie dich gibt.

    Herzliche Grüße!

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  3. hallo,schau mal auf meinen Blog habe da was für Dich.
    LG Sabine

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  4. Ja, jetzt ist wieder die Zeit der Morgennebel! Mystisch und romantisch aber auch geheimnisvoll...

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  5. Hallo meine liebe Rosabella,
    danke für deine lieben Grüsse und Glückwünsche. Das Päckchen ist heile bei mir angekommen. Sehr schön sind die Teilchen. Ich werde demnächst ein Foto einstellen.
    ♥lichst Gabriele

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O mag ein Engel Dir die Schrift diktieren,
daß jedes Wort mir Wonne sei und Lust,
ein Engel Deine Feder führen,
ein Zauber drinnen leben unbewußt!
Damit, wenn ich das Siegel löse,
das Glück sich ungetrübt daraus ergießt,
und keine Wolke, keine böse,
mein Geist von Deinem Geiste liest.

Friederike Kempner (1836 - 1901)