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8. September 2009

"Flüchtig sind die goldenen Fäden, in denen Baum
und Früchte am Sommerende eingesponnen ..."

" ... Sonderbare Menschen, die in den jungen Tagen im eigenen, summenden Blute es aus tausend Seligkeiten erhören, aber sobald das Leben mit seinen Erfüllungen begonnen, Schritt um Schritt scheu zurückweichen. Und die dann ewig stehen, den Blick in die Ferne, gar nicht mehr bereit, das Leben und seine Erfüllungen hinzunehmen, anders, als mit bitterer Verachtung. Und die immer neu zum Leben in plötzlichem Lustflackern sich hinwenden, immer tiefer enttäuscht und immer herrischer erregt gegen den Trug aller Trüge. Solche Menschen sind wie heiße Glutstätten, in denen innige Brände doch nur schwelen, solange keine leichte, frohe Hand ihre Feuer beschwört und ihre Asche lockert. Und aus denen es, wenn eine hohe, liebende, sanfte Frau zur Opferstätte solchen heimlichen Erharrens getreten, emporbrennt wie ein Blühen. Der Harm ist zerstoben, wie noch ein wenig Rauch unter Flammen und Funken. Eine neue Jugend, scheint es, blüht. Eine köstliche Fülle reiner, stolzer, lodernder Feuertriebe wähnt sich das kranke Herz dem weihenden Blicke offen. In solcher Menschen Tiefgrund klingt ewig die Mythe von der Erlösung durch die Liebe. In jede neue Phase ihrer Weltverachtung nehmen sie diese einzige, sichere Verheißung mit, träumen immer neu den großen Traum, erharren und erhoffen neue Entfaltung. Denn jedes Menschengemüt auch, wie der Rosenstock und die Feuersglut entzückt sich im Entfalten und sich Darbieten. Und nie sind größere, letzte Erfüllungen, als sich weit und frei auftun und sich hingeben dürfen von Seele zu Seele. »Aber vielleicht ist das im Truge ›Leben‹ der letzte, tiefste Trug!« sagte oft Poncet. Mit solchem Zweifel in der Seele ist es nicht gut, einem andern Freund sein. Flüchtig sind die goldenen Fäden, in denen Baum und Früchte am Sommerende eingesponnen. Sie zerreißen leicht vom leisen Windhauch. Die goldenen Blätter, vom Lebenszweifel unversehens gelockert, wehen hin. Es gibt kahles Land und astkahle Bäume, vom Winde zerweht, und kahle Seelen von der Verachtung verarmt. Und immer ferner verklingt solchen Seelen das sanfte, heilende Wunder. ..." Auszug aus "Einhart der Lächler" Roman von Carl Hauptmann (1858–1921)

Kommentare:


O mag ein Engel Dir die Schrift diktieren,
daß jedes Wort mir Wonne sei und Lust,
ein Engel Deine Feder führen,
ein Zauber drinnen leben unbewußt!
Damit, wenn ich das Siegel löse,
das Glück sich ungetrübt daraus ergießt,
und keine Wolke, keine böse,
mein Geist von Deinem Geiste liest.

Friederike Kempner (1836 - 1901)