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11. Juni 2009

Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn

Im dunklen Laub die Goldorangen glühn, Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht, Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht, Kennst du es wohl? Dahin! Dahin Möcht' ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn! Kennst du das Haus, auf Säulen ruht sein Dach, Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach, Und Marmorbilder stehn und sehn mich an: Was hat man dir, du armes Kind, getan? Kennst du es wohl? Dahin! Dahin Möcht' ich mit dir, o mein Beschützer, ziehn!
Mignon fing jeden Vers feierlich und prächtig an zu singen, als ob sie auf etwas Sonderbares aufmerksam machen, als ob sie etwas Wichtiges vortragen wollte. Bei der dritten Zeile ward ihr Gesang jedoch dumpfer und düsterer; das "Kennst du es wohl?" drückte sie geheimnisvoll und bedächtig aus; in dem "Dahin! Dahin!" lag eine unwiderstehliche Sehnsucht, und ihr "Laß uns ziehn!" wußte sie bei jeder Wiederholung dergestalt zu modifizieren, das es bald bittend und dringend, bald treibend und vielversprechend war. Nachdem sie das Lied zum zweitenmal gesungen hatte, hielt sie einen Augenblick inne, sah Wilhelm scharf an und fragte: "Kennst du das Land?" – "Es muß wohl Italien gemeint sein", versetzte Wilhelm; "woher hast du das Liedchen?" – "Italien!" sagte Mignon bedeutend; "gehst du nach Italien, so nimm mich mit, es friert mich hier." – "Bist du schon dort gewesen, liebe Kleine?" fragte Wilhelm. – Das Kind war still und nichts weiter aus ihm zu bringen.
Johann Wolfgang von Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre (1795/96), aus: Drittes Buch, Erstes Kapitel

Nur wer die Sehnsucht kennt, Weiß, was ich leide! Allein und abgetrennt Von aller Freude, Seh ich ans Firmament Nach jener Seite. Ach! der mich liebt und kennt, Ist in der Weite. Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide! Johann Wolfgang von Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre (1795/96), aus: Viertes Buch, Elftes Kapitel)

Kommentare:

  1. oh wie schön, die versuche ich mal zu zeichnen, so schön...herrlich !!! herzlich Kathrin

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  2. Liebe Sabine,
    welch traurig-schöner Text ....

    Herzliche Grüße
    Tina

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  3. Liebe Sabine, wunderschöne Texte und Bilder,die du wieder zeigst!

    Ich hoffe sehr, dass nicht du es bist, die solche Sehnsucht erleidet...sondern nur Herr Goethe!
    Liebe Grüße, Cornelia

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  4. Kennst Du es nicht dann schau gut hin.
    Nun bei mir hat es ja nicht funktioniert :-)

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  5. Wunderschöne Aufnahmen und Gedichte... Ja, die Sehnsucht, wonach auch immer, ist wie ein Stachel, der tiefer und tiefer ins Herz sich bohrt. Ich kenne sie, kennst du sie auch?
    Schöne Abendgrüsse, Vilma

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  6. WAs für wunderschöne Text und Bilder - man kommt ins Träumen - und Sehnsuch hat und kennt doch jeder von uns - oder? lg tina

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O mag ein Engel Dir die Schrift diktieren,
daß jedes Wort mir Wonne sei und Lust,
ein Engel Deine Feder führen,
ein Zauber drinnen leben unbewußt!
Damit, wenn ich das Siegel löse,
das Glück sich ungetrübt daraus ergießt,
und keine Wolke, keine böse,
mein Geist von Deinem Geiste liest.

Friederike Kempner (1836 - 1901)