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25. Mai 2009

wie von kühlen Flügeln fortgetragen ...

Durch mein Fenster kommt der leise Vollmond, kommt und küßt mich zärtlich auf die Lippen, »Thörichte, so kalt und lustverschlossen, willst du nicht von meinem Tranke nippen? Sieh, schon lange bin ich tot, und dennoch, helle Friedensströme gießt noch immer mein erloschen Sein auf deine Menschheit, denn es stirbt die Saat der Lichten nimmer«. Stirbt sie wirklich nicht, du leiser Vollmond? Wird dereinstens auch von meinen Bahnen milder Glanz in müde Seelen träufeln und sie an ein flammend Leben mahnen? Aber nein, mein lieber leiser Vollmond, will nicht denken an den Tod, den herben, denn, daß ich dirs sag, nicht träumen kann ichs, und nicht ahnen, wie es ist: zu sterben. »Wie es ist? So lausche!« Lautlos schwindet, wie von kühlen Flügeln fortgetragen, aus dem Kämmerlein der leise Vollmond, Finsternisse aneinander jagen ... Dunkles Huschen, Flüstern, eisige Hauche. Mir beengt die Brust ein banges Sorgen .. Da zerreißt die Nacht, im goldnen Rauche steigt empor ein siegeslichter Morgen. Das hieß sterben? Aus dem einen Leuchten in das andre Leuchten weich versinken? O mein lieber, weiser, stiller Vollmond, lasse mich von deinem Glanze trinken! ..
Maria Janitschek (1859 - 1927)

1 Kommentar:

  1. Sehr schön!!!!
    Gefällt mir sowas von gut!

    Sei ganz lieb gegrüßt,
    von

    Katrin

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O mag ein Engel Dir die Schrift diktieren,
daß jedes Wort mir Wonne sei und Lust,
ein Engel Deine Feder führen,
ein Zauber drinnen leben unbewußt!
Damit, wenn ich das Siegel löse,
das Glück sich ungetrübt daraus ergießt,
und keine Wolke, keine böse,
mein Geist von Deinem Geiste liest.

Friederike Kempner (1836 - 1901)